Das Pastorale Problem der Masturbation - von Fr. John Harvey, OSFS

Anleitung zum Leben ohne Masturbation 

 
Pater Harvey stellt hier einen Aufsatz mit dem Titel "Das pastorale Problem der Masturbation" vor. Der Artikel gibt Einblick in die zugrundeliegenden Ursachen der Gewohnheit zur Masturbation und in damit verbundene Themen.

 
Einleitung
Psychologische Überlegungen zur Gewohnheit der Masturbation
Faktoren, die zur Gewohnheit der Masturbation beitragen
Masturbation und Moral
Überlegungen zur persönlichen Verantwortung der Betroffenen
Masturbation als Form von sexueller Sucht
Unterscheidung zwischen vergangenem Verhalten und Gegenwart
Autobiographie in fünf kurzen Kapiteln
Pastorale Ansätze zur Masturbation
Geistliche Leitlinien
Masturbation bei Verheirateten
Masturbation bei Seminaristen
Masturbation bei Priestern und Ordensbrüdern
Masturbation bei Ordensschwestern
Homosexualität und Masturbation
Schuld und Scham in allen Formen der Masturbation
Der Unterschied zwischen Scham und Schuld
Weitere Empfehlungen zum Leben ohne Masturbation
Pastorale Beratung von Jugendlichen
Geistliche Einsichten für betroffene Erwachsene
Schlussbemerkungen
Quellenangaben

 
Anleitung zum Leben ohne Masturbation 
von John F. Harvey, OSFS

 
Einleitung

 
Dutzende Fachbücher wurden schon über Masturbation geschrieben. Es stellt sich daher die Frage, warum nun noch ein Theologe meint, sich über dieses Thema äussern zu müssen. Ist es nicht sogar arrogant zu glauben, dass man zu einem während Jahrhunderten schon so ausgiebig behandelten Problem von Frauen und Männern noch etwas Neues beitragen kann? Ich kann dem entgegnen, dass zum Thema sehr wohl etwas Neues gesagt werden muss, zum Beispiel über unsere Antwort auf neue Denkansätze zu diesem Thema, oder über unsere persönliche Erfahrung bei der Beratung von Personen, die gegen die Gewohnheit der Masturbation ankämpfen. In dieser Motivation habe ich neue Erkenntnisse über die psychologischen Hintergründe der Masturbation aufbereitet, die aus dem Forschungsfeld der sexuellen Sucht stammen. Masturbation ist nämlich ein Paradebeispiel für sexuelle Süchte.

 
Meine Motivation entstammt zudem meinem Kontakt mit religiösen Selbsthilfegruppen wie Sexaholics Anonymous (S.A.), Sex and Love Addicts Anonymous (S.L.A.A.), Homosexuals Anonymous (H.A.) und Courage, welche die Gewohnheit der Masturbation ernst nehmen. Mein Beitrag ist eine willkommene Abwechslung zur Theologie von Ann Landers, für die Masturbation eine Form von Therapie sein kann.

 
Ein anderer Grund, weshalb ich zu diesem Thema schreibe, ist, dass viele gegen die Gewohnheit der Masturbation ankämpfende Menschen keine geeignete geistliche und moralische Hilfestellung erhalten. In manchen Fällen werden sie sogar fehlgeleitet, indem man ihnen erzählt, Masturbation würde die Leistungsfähigkeit beim ehelichen Akt steigern oder sie wäre Teil des Heilungsprozesses nach sexuellen Schwierigkeiten. Es ist heute bekannt, dass die Gewohnheit der Masturbation alle Lebensphasen von der Kindheit bis zum hohen Alter betrifft. Die Tendenz zur Masturbation findet sich bei Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen, Verheirateten, Senioren, Ordensangehörigen, Seminaristen und Priestern.

 
Beachten Sie bitte die Wortwahl "Tendenz zur Masturbation", genauer noch spreche ich von der ungeordneten Tendenz zur Masturbation. Auf verschiedene Art und Weise haben nämlich viele über diese Tendenz mit Hilfe eines geistlichen Programmes Kontrolle gewonnen. Andere jedoch kämpfen im Dunkeln, und genau für diese Gruppe schreibe ich. Zunächst werde ich mit einer Definition von Masturbation beginnen, danach einige psychologische Hintergründe vorstellen. Zuletzt werde ich mit einigen pastoralen Wegleitungen schliessen. Diese umfassen auch Elemente für ein pastorales Programm, das Betroffenen helfen wird, die eine chronische Last überwinden möchten. 

 
Psychologische Überlegungen zur Gewohnheit der Masturbation

 
Masturbation wird manchmal Onanie und in nichtkirchlichen Büchern auch Selbstbefriedigung genannt. Wenn die psychische Stimulierung während des Schlafes auftritt, spricht man auch von nächtlicher Pollution. Pater Benedict Groeschel benutzt den Begriff Masturbation für Handlungen im Schlaf und Halbschlaf oder bei Kindern und früh-jugendlichem Sexualverhalten, während er den Begriff "Eigenerotik" (auto-eroticism) für Handlungen von älteren Jugendlichen und Erwachsenen vorsieht. "Diese", so schreibt er, "werden von verschiedenen Ursachen in ihrem Inneren getrieben und finden in diesem symbolischen und zutiefst frustrierenden Verhalten einen Ersatz für echtes Leben." In einem klassischen Artikel über die Theologie der Masturbation beschreibt Pater Jos. Farraher, S.J., diese als "Eigenstimulation des äusseren Sexualorganes bis zu einem Höhepunkt oder Orgasmus, bewirkt durch Bewegungen der Hand oder physischen Kontakt oder durch sexuell erregende Bilder oder Vorstellungen (psychische Masturbation), oder auch einer Kombination aus physischer und psychischer Erregung" (Quelle 2). Im weiteren Sinne umfasst dies auch gegenseitige Masturbation, in welcher Personen gegenseitig ihre Genitalien berühren.

 
Die vielleicht eindrücklichste Beschreibung der Gewohnheit zur Masturbation findet sich in einem Brief von C.S. Lewis und wurde von Leanne Payne in The Broken Image zitiert: "Für mich ist das wahre Übel der Masturbation, dass es einen Appetit benutzt, der, bei rechtmässiger Verwendung, einen Mann aus sich selbst herausführt und ihn dazu drängt, seine eigene Persönlichkeit in der einer Frau zu vervollständigen und zu korrigieren (und schliesslich zu Kindern und Enkelkindern führt), und wirft diesen Appetit auf die Person selbst zurück, schickt den Mann in das Gefängnis seiner selbst, wo er sich einen Harem aus imaginären Bräuten hält. Und dieser Harem, sobald er einmal zugelassen wird, arbeitet dagegen, dass der Mann jemals aus sich herauskommt und sich in Wirklichkeit mit einer echten Frau vereinigt. Denn der Harem ist immer verfügbar, immer dienstbar, verlangt keine Opfer oder Anpassungen und kann mit erotischen und psychologischen Reizen ausgestattet werden, gegen die eine echte Frau nie ankommen kann." Dieses Zitat trifft auf Frauen wie auf Männer gleichermassen zu. Es drückt die Bedeutung von Masturbation als persönliche Flucht vor der Realität in ein Gefängnis der Lust aus. 

 
Faktoren, die zur Gewohnheit der Masturbation beitragen

 
Masturbation ist ein komplexes Phänomen. Die vatikanische Kongregation für das katholische Bildungswesen hat 1974 klargestellt, dass eine der Ursachen für Masturbation ein sexuelles Ungleichgewicht ist und dass daher in der Erziehung "Anstrengungen eher auf die Ursachen als auf die direkte Problembekämpfung abzielen sollten" (Quelle 4). Wie wir sehen werden, sind viele Faktoren im Begriff "sexuelles Ungleichgewicht" enthalten. 

 
Dies ist eine weise Vorgehensweise. Wir können nicht verstehen, warum eine Person mit dieser Gewohnheit belastet ist, solange wir nicht etwas über ihren Hintergrund wissen. Aus dem Gespräch mit Betroffenen erfährt man, dass Einsamkeit einer der bedeutendsten treibenden Faktoren ist und Individuen zu Isolation, Phantasie und Masturbation führt. Einsamkeit ist gewöhnlich mit Gefühlen tiefen Selbsthasses und Zorns kombiniert. Wenn die reale Welt rauh und abstossend ist, flüchtet man sich in eine Phantasiewelt, und wenn man viel Zeit in einer Phantasiewelt verbringt, wird man ein Sklave von sexuellen Objekten (denn für das hält man andere Personen: für Objekte). 

 
Von nun an wird man immer in die unreale aber angenehme Welt in der eigenen Vorstellung flüchten. Dies ist der Beginn der sexuellen Abhängigkeit, die von Patrick Carnes so gut beschrieben wurde (Quelle 5). 

 
Oft wird die Gewohnheit der Masturbation zwanghaft, das bedeutet, die Person ist nicht mehr länger dazu in der Lage die Masturbationshandlungen zu kontrollieren, obwohl sie hierzu grosse Anstrengungen unternimmt. Gewöhnlich fehlt einem hiervon Betroffenen der nötige Einblick in die eigene Lage und die Person bedarf einer Therapie in Verbindung mit geistlicher Hilfestellung.

 
Manchmal, jedoch, ist die Gewohnheit der Masturbation vorübergehend und an äussere Umstände gebunden. Zum Beispiel verschwindet die Tendenz zur Masturbation dann sobald das Individuum sich nicht mehr in einer bestimmten Umgebung befindet. In einer Umgebung war eine fünfundzwanzigjährige Nonne von älteren Ordensschwestern umgeben, mit denen sie keine wirkliche Kommunikation pflegen konnte, in der anderen Umgebung arbeitete sie mit Ordenssschwestern in ihrem Alter zusammen. Ihr wurde schnell klar, dass sie in der ersten Gruppe isoliert und einsam war, während sie in der anderen Gruppe in realen Beziehungen engagiert war. Es könnten viele andere Beispiele gegeben werden, wo die Masturbationshandlungen symptomatisch für andere zugrundeliegende Faktoren im Leben der betroffenen Person sind.

 
Diese Symptome, die je nach Alter, externen Lebensumständen und inneren Veranlagungen sehr unterschiedlich sind, werden im Abschnitt zur pastoralen Beratung dieses Aufsatzes beschrieben und bewertet. Es möge an dieser Stelle genügen, dass der erste Schritt, den ein Priester oder Ratgeber unternehmen sollte, genaues Zuhören zur Geschichte des Beratenen sein sollte. Selbstverständlich sollte dies gemacht werden, wenn nicht bereits Menschen in langen Schlangen vor dem Beichtstuhl warten und ein Besprechungszimmer der Pfarrei könnte hierzu eine geeignetere Umgebung sein. Zudem sollte eine derartige intensive Grundlagenerforschung nur geschehen, wenn der Berater den Eindruck hat, dass der Beratene selbst keinen Halt findet und geistliche Wegleitung dringend nötig hat. Nachdem dies gesagt ist, kann ich nun die Moral der Masturbationshandlungen und der Gewohnheit zur Masturbation untersuchen und komme danach in einer Diskussion von individuellen Fällen auf die psychologischen Faktoren zu sprechen. 

 
Masturbation und Moral

 
Gemäss der Erklärung zu Fragen der Sexualethik wird die traditionelle Lehre, wonach Masturbation eine schwerwiegende Verwirrung darstellt, "heute oft in Zweifel gezogen oder explizit verneint" (Quelle 6). Ein weit verbreitetes Schulbuch weist beispielsweise darauf hin, dass empirische Fakten die Einstellung vieler bezüglich Masturbation verändert habe. Aktive Moralisten seien in der unangenehmen Situation, vertreten zu müssen, dass "praktisch jeder Mann sich einer Todsünde schuldig macht" (Quelle 7). Die Autoren haben offensichtlich die Unterscheidung zwischen objektiver Schwere und subjektiver Schuld ignoriert. In ihrer umfassenden Literaturrecherche zu Meinungen bezüglich der Moral von Masturbation verweisen die Autoren von Human Sexuality auf einen sich abzeichnenden Konsens, der das moralische Übel der Masturbation als eine "substantielle Umkehrung in einer Ordnung von grosser Wichtigkeit" einschätzt.

 
Korrekterweise weisen sie auf, dass in der ganzen christilichen Tradition jeder Akt von Masturbation in sich selbst als schweres Übel eingeschätzt wurde, und wenn Masturbation mit vollem Wissen und freier Zustimmung durchgeführt wird, wurde sie als Todsünde betrachtet. Zwei neuere Forschungsstudien bieten dem Leser einen Hintergrund zur christlichen Tradition der moralischen Einschätzung von Masturbation. Die erste ist eine historische Studie von Giovanni Cappelli zum Problem der Masturbation im ersten Jahrtausend. 

 
Zu seinen Ergebnissen zählen die folgenden Erkenntnisse: (1) Nirgends im Alten Testament oder dem Neuen Testament wird das Thema Masturbation explizit angesprochen. (2) Cappelli findet in den Schreiben der apostolischen Kirchenväter keine Erwähnung der Masturbation. (3) Die erste explizite Referenz zu Masturbation findet sich in der anglo-sächsischen und keltischen "Strafordnung" des sechsten Jahrhunderts, wo das Thema in einer praktischen und juristischen Weise abgehandelt wird. (4) Es wäre jedoch falsch, das Schweigen der Kirchenväter zu Masturbation als eine stillschweigende Akzeptanz oder als Indifferenz auszulegen. Die Prinzipien, welche sie zur Sexualethik erarbeitet haben, und ihre generelle Einstellung hätte leicht zu einer Verurteilung der Masturbation führen können. Wir wissen nicht, warum dies nicht geschehen ist; wahrscheinlich ist dies jedoch auf den Umstand zurückzuführen, dass frühchristliche Autoren hauptsächlich mit sexuellen Sünden mit zwischenmenschlicher Natur befasst waren (Quelle 9). 

 
Die zweite Studie befasst sich mit relativen und absoluten Normen der Sexualmoral in Schreiben des Heiligen Paulus. William E. May baut auf der Arbeit von Silverio Zedda über das Verständnis des Verhältnisses zwischen Körper und Person beim Heiligen Paulus auf und kommt zum Schluss, dass Zedda keine explizite Betonung des Lasters der Eigenerotik findet. "Aber die Verurteilung derselben Sünde kann hier indirekt aus den Lehren des Heiligen Paulus abgeleitet werden, wenn man als Ausgangspunkt die Texte nimmt, in welchen er verruchte Leidenschaft im Allgemeinen verurteilt und in welchen Moraltheologen auch Masturbation als Laster verurteilt sehen. Analog hierzu kann man Eigenerotik als ein Element des Zustandes sehen, in welchem sich Unverheiratete finden, denen der Heilige Paulus zur Ehe rät: "Haben sie jedoch nicht die Kraft zur Enthaltsamkeit, so sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten als (vor Begierde) zu brennen" (1. Kor. 7:9; Quelle 10). Zedda sieht ebenso in den Bibelstellen Gal. 5:23, 2. Kor. 7:1 und 1. Thes. 4:4 eine implizite Verurteilung der Masturbation.

 
Die Autoren von Human Sexuality fahren fort, dass die weitverbreitete Praktik der Masturbation insbesondere unter Männern es für Moraltheologen schwer machte, die traditionelle Position weiterzuführen. Dies schien in starkem Konflikt mit dem gesunden Menschenverstand zu sein. Diese Moraltheologen spielen die objektive Schwere des Aktes herunter und nehmen Zuflucht im Standpunkt, wonach auf pastoraler Ebene in vielen Fällen der Mangel an vollem Bewusstsein und der Mangel an voller Freiheit solche Handlungen nicht zu Todsünden mache. Pater Farraher jedoch geht von der hier konstanten kirchlichen Lehre aus und argumentiert schlüssig, dass Masturbation eine schwerwiegende Verletzung der moralischen Ordnung darstellt, falls man sich des Übels der Handlung bewusst ist und sie dennoch ausführt. Da sie nicht die Zwecke des ehelichen Aktes, Gemeinschaft und Fruchtbarkeit, erfüllt, ist Masturbation ein schwerwiegend ungeordneter und sündhafter Akt (Quelle 11).

 
Pater Farraher stellt auch klar, dass sexuelle Stimulation bei einem verheirateten Ehepaar moralisch erlaubt ist, wenn es zu einem natürlichen vaginalen Geschlechtsverkehr führt oder den ehelichen Akt abschliesst (Quelle 2). Farraher ist in der Klarstellung dessen, was ein schwerwiegendes Übel in Masturbation darstellt, sehr genau, wenn er schreibt: "Damit eine Person formell der Todsünde der Masturbation schuldig wird, muss ihre Handlung eine vollumfänglich freigewählte Entscheidung zu einer Tat sein, deren schwer sündhaften Charakters sie sich bewusst ist" (Quelle 13). Wenn so ein Akt mit nur teilweiser Einsicht oder nur teilweisem freien Willen geschieht, ist er eine lässliche Sünde. Und "wenn keine freie Willensentscheidung zugrundeliegt, resultiert überhaupt keine sündhafte Schuld, sogar wenn die Person sich darüber bewusst ist, was sie macht" (Quelle 4). Farraher zeigt weiter auf, dass sogar dann keine Sünde vorliegt, wenn eine Person vorhersieht, dass sexuelle Erregung und Orgasmus aus einer von der Person freiwillig ausgeführten Handlung resultieren werden, solange sie diese Erregung nicht beabsichtigt sondern sie lediglich zulässt, und die Person einen ausreichend guten Grund hat, die Handlung auszuführen (dies ist einfach eine Anwendung des Prinzips der zweifachen Wirkung (principle of twofold effect; Quelle 5).

 
Farraher korrigiert das Missverständnis vieler Katholiken, dass das Erleben von sexueller Erregung, auch wenn sie gegen den eigenen Willen geschieht, gleichbedeutend mit dem Begehen einer Todsünde wäre (Quelle 16). In der heutigen Generation denke ich jedoch, dass nicht viele an derartigen Schuldgefühlen leiden. Wenn sie sich überhaupt hierzu Gedanken machen, so sind viele überrascht zu hören, dass Masturbation sündhaft ist. Es ist daher notwendig, den Gläubigen die sorgfältigen Unterscheidungen von Pater Farraher zu lehren, damit sowohl eine unnötige Gewissensbeklemmung als auch eine irreführende Freizügigkeit vermieden werden.

 
Genau wie in der Frage der Empfängnisverhütung, so sieht man auch in der Frage der Masturbation eine Abwendung von offiziellen Kirchenlehren im Jahre 1955, als Pater Charles Curran argumentierte, dass jeder Akt von Masturbation nicht notwendigerweise immer eine "immer und zwangsläufig schwerwiegende" Unordnung darstelle (Quelle 17). In ihrem Kommentar zu Currans Haltung bewerten die Autoren von Human Sexuality diese als signifikanten theologischen Durchbruch. Die Position behauptet nicht, dass Masturbation nicht sündhaft sei, oder dass Masturbation nicht schwere Sünde beinhalten könne. Pater Curran stellt lediglich fest, dass "nicht jeder ausdrücklich willentlich durchgeführte Akt von Masturbation notwendigerweise eine schwere Verfehlung darstellt, wie sie die Voraussetzung für das Vorliegen einer Todsünde darstellt" (Quelle 18). Currans Position, und auch die der Autoren von Human Sexuality, steht jedoch direkt im Widerspruch zu den Lehren der vatikanischen Deklaration zur Sexualethik, auf welche ich bereits hingewiesen habe. Die vatikanische Glaubenskongregation bekräftigt somit die konstante Lehre der Kirche über die objektiv schwerwiegende Unmoralität der Masturbation und bezeichnet Masturbation als "einen in sich schwerwiegend ungeordneten Akt" (Quelle 9). 

 
Die Argumente zugunsten der Position der Kirche, und die Antworten von katholischen Moraltheologen auf die grössten Einwände gegen diese Lehre, sind in der katholischen Sexualethik zusammengefasst. Ich möchte im Folgenden einige Punkte aus ihren Argumenten herausgreifen und hier isoliert anführen. 

 
(1) Obwohl einige Bibelstellen, die als Grundlagen für eine Verurteilung von Masturbation angeführt werden, auch eine andere Interpretation haben könnten (Gen. 38:8-10; 1. Kor 6:9; Röm. 1:24), beinhaltet die Heilige Schrift zweifelsfrei eine Verurteilung des unverantwortlichen Gebrauchs von Sexualität, und dies trifft sicherlich auf Masturbation zu. Die vatikanische Deklaration betont, dass auch im Falle, dass die Heilige Schrift diese Sünde nicht namentlich verurteilt, "die Tradition der Kirche sie zurecht als im Neuen Testament verurteilte Sünde erkannt hat, wenn dieses von 'Unreinheit', 'Unkeuschheit' und anderen Lastern gegen Keuschheit und Mässigkeit schreibt" (Quelle 21). 

 
(2) Die Autoren der katholischen Sexualethik kontern gut den Einwand, dass die Verurteilung von Masturbation eine Form von Manichäismus und Stoizismus sei. Sie zeigen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: diejenigen, welche Masturbation akzeptieren, können ihre Körper und sexuellen Aktivitäten nicht konsistent als integrale Teile ihres eigenen Selbst betrachten, da diese Akte nicht die grundlegenden menschlichen Güter von gegenseitiger Selbsthingabe und Fortpflanzung beinhalten. Derartige Akte benutzen den Körper als Instrument der Lust und sind in Wirklichkeit Ausdruck von Dualismus, was in diesem Zusammenhang bedeutet, dass der Körper ein Ding für die Vergnügung der Seele wird (Quelle 22). 

 
Wiederum ist anzumerken, dass diese Lehre der Kirche nicht auf den stoischen Voraussetzungen basiert, wonach der einzige Zweck des Geschlechtsverkehrs die Fortpflanzung sei. Das Lehrschreiben Gaudium et Spes, Abschnitte 47-52, sowie die Enzyklika Humanae Vitae (Quelle 23) stellen ganz klar dar, dass Geschlechtsverkehr in der Ehe auch andere Zwecke hat, darunter auch den Ausdruck gegenseitiger Liebe. Im Gegensatz hierzu dient Masturbation keinem der grossartigen Güter der Ehe und bleibt ein isolierter Einzelakt.

 
Die katholische Sexualethik geht auch auf den Einwand ein, dass Masturbation unter gewissen Umständen, wie beispielsweise Masturbation bei Heranwachsenden, keine schwerwiegende moralische Verwirrung sei. Die Antwort hierauf ist, dass die Kirche immer schon anerkannt hat, dass die Umstände die Beurteilung eines konkreten Falles verändern können und dass es verschiedene Abstufungen an persönlicher Verantwortung in den verschiedenen Arten von Masturbation gibt. Aber die Kirche lehrt, dass der Akt der Masturbation OBJEKTIV IN SCHWEREM GRAD FALSCH ist. Zu Recht unterscheidet sie zwischen der objektiven Schwere des Masturbationsakts und der persönlichen Verantwortung des Handelnden. Diese wichtige Unterscheidung, die Pater Farraher ausarbeitet, erlaubt uns die traditionelle Position in dieser Frage einzunehmen, während wir Zugeständnisse für eine Vielzahl von mildernden Umständen gewähren können, welche die persönliche Schuld des Masturbierenden verringern können, vorausgesetzt dieser ist willens, alles nötige zu unternehmen, um die schlechte Gewohnheit oder, in einigen Fällen, den Zwang zu überwinden.

 
In meiner siebenundvierzigjährigen Pastoralerfahrung habe ich bis heute nicht einen Beichtenden getroffen, der die Gewohnheit der Masturbation nicht loshaben wollte oder der freiwillig weiter masturbiert. Wahrscheinlich kommen jene, welche die Gewohnheit freiwillig weiterbetreiben entweder nicht zur Beichte oder sie beichten diese Sünde nicht, weil sie wie durch eine Gehirnwäsche zur Ansicht gebracht wurden, dass Masturbation nicht sündhaft sei oder höchstens eine lässliche Sünde sei, welche man nicht zu beichten brauche.

 
Die Autoren der katholischen Sexualethik gehen auch auf das Argument von Charles Curran ein, dass ein einzelner Masturbationsakt nicht schwerwiegend falsch sein könne sondern nur eine fortdauernde Masturbationspraktik ein schwerwiegend sündhaftes Verhalten darstellen könne. Der Trugschluss in diesem Argument ist, dass es verkennt, dass das Hauptaugenmerk von Verantwortung auf unter freiem Willen gewählten Handlungen liegt und nicht auf Verhaltensmustern, die sich aus einer Serie von Akten freien Willens ergeben. Unsere moralische Persönlichkeit, oder unser Charakter, wird durch solche Akte geformt und wenn eine Veränderung stattfinden soll, beginnt diese mit einer freiwillig entschiedenen Handlung. Dies lehrt der Heilige Augustinus in seinen Bekenntnissen (Quelle 24). 

 
In der Praxis sind Autoren, welche den Standpunkt vertreten, dass Masturbation nichts schwerwiegend Schlechtes sei, von den Ergebnissen statistischer Studien beeindruckt, welche zeigen, dass die Mehrheit männlicher Jugendlicher und ein grosser Prozentsatz weiblicher Jugendlicher masturbieren. Diese statistischen Studien gehen jedoch nicht darauf ein, wie häufig Masturbation betrieben wird oder in welchem Gewissenszustand sich der Masturbierende befindet. Sie gehen schliesslich auch nicht auf das neue Phänomen von geistlichen Hilfegruppen zur Überwindung sexueller Süchte ein, wie zum Beispiel Sexaholics Anonymous (Quelle 25) oder Sex and Love Addicts Anonymous (Quelle 26). Beide Gruppen behandeln zwanghafte Masturbation als sexuelle Sucht, welche mithilfe der auf sexuelle Probleme angepassten Zwölf Schritte aus dem Selbsthilfevorgehen von anonymen Alkoholikergruppen überwunden werden kann.

 
Man kann gegen Currans These auch von einem pastoralen Standpunkt aus argumentieren. In der Praxis hat man es nicht mit Leuten zu tun, welche in einen einzelnen Masturbationsakt verstrickt sind. Egal welches Alter die Personen haben, geht es immer um wiederholte Akte, oder eine Gewohnheit, oder einen Zwang. Die Thesis von Curran berücksichtigt auch nicht, dass ein freiwilliger Akt von Unreinheit zur Wiederholung tendiert und somit zur Herausbildung einer schlechten Gewohnheit führen kann, welche sich mit der Zeit sogar zu einem sexuellen Zwang entwickeln kann - also zu einem Muster sexuellen Verhaltens, über das die Person trotz ihrer Anstrengungen keine wirkliche Kontrolle mehr hat. Die moralische Frage ist, ob man dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass man wissentlich den ersten Schritt in Richtung einer schlechten Angewohnheit unternommen hat. Sind wir nicht ernsthaft dazu verpflichtet, den Beginn einer solchen Gewohnheit zu vermeiden? Anders gefragt - wenn ein einzelner Akt willentlicher Masturbation keine schwere Verletzung der Moralordnung darstellt, was hält eine Person dann davon ab, in eine schlechte Gewohnheit abzugleiten? Sehr wahrscheinlich wird sie nicht versuchen, den Akt zu vermeiden und sie wird leicht in eine Gewohnheit verfallen, die unter gewissen Umständen sogar zwanghaft werden kann. Dies sind pastorale Fragen, mit welchen Curran seine Argumente nicht konfrontiert.

 
Überlegungen zur persönlichen Verantwortung der Betroffenen

 
Auf der pastoralen Ebene muss man den gewohnheitsmässig Masturbierenden vom zwanghaft Masturbierenden unterscheiden. Per Definition hat der gewohnheitsmässig Masturbierende immer noch die Kontrolle über sein Verhalten, enthält sich dessen für lange Zeitperioden und fällt nur für kurze Zeitintervalle in sein altes Verhalten zurück. Er mag Masturbation als Ersatz für Geschlechtsverkehr benutzen, weil keine Frauen verfügbar sind (z.B. im Gefängnis) oder weil er geschieden ist, noch nie verheiratet war oder Angst vor AIDS hat. Er ist jedoch fähig, seine Gewohnheit jederzeit zu stoppen, wenn er dazu motiviert ist, und ist dies gewöhnlich aus religiösen Gründen. Die meisten der obengenannten Gründe treffen auch auf Frauen zu, die der Gewohnheit des Masturbierens verfallen. Einsamkeit und Depression sind kraftvolle Faktoren, die in Männern und Frauen wirken. In einigen Fällen überschreiten die Personen jedoch die Trennlinie zwischen Gewohnheit und Zwang. Sie stellen plötzlich fest, sehr häufig zu masturbieren, und dies trotz Anwendung der üblichen Hilfsmittel zur Vermeidung von Masturbation. In diesen Fällen haben wir es höchst wahrscheinlich mit sexueller Sucht zu tun.

 
Masturbation als Form von sexueller Sucht

 
Pastorale Berater und Beichtväter sind mit Personen vertraut, die täglich masturbieren, obwohl sie den Wunsch habe, von diesem Zwang loszukommen. Diese Individuen leben mit Schuld und Scham. Sie sind nicht damit zufrieden, wenn ihr Berater versucht, sie mit der Bemerkung zu trösten, dass sie sich keiner schweren Sünde schuldig machen, da sie keine Kontrolle über ihr Masturbieren haben. Sie wollen wissen, was sie machen können, um wieder die Kontrolle über ihre sexuellen Impulse zu erhalten. Das erste, was ein Berater hier tun kann, ist es, die sexuelle Sucht zu studieren und zu lernen, was genau getan werden kann, um dem zwanghaft Masturbierenden zu helfen. 

 
Sexuelle Sucht kann als Pseudo-Beziehung zu einer bewusstseinsverändernden sexuellen Erfahrung mit selbstzerstörerischen Auswirkungen definiert werden, welche in einigen Fällen auch zerstörerisch auf andere wirkt (Quelle 27). In den Worten von Patrick Carnes "ersetzt der Süchtige eine gesunde Beziehung mit anderen durch eine kranke Beziehung zu einem Ereignis oder einem Prozess. Die Beziehung des Süchtigen mit einer bewusstseinsverändernden 'Erfahrung' nimmt einen zentralen Platz in seinem Leben ein" (Quelle 28).

 
Carnes betont die wahre Tatsache, dass die Allgemeinheit oft dazu neigt, eine sexuelle Sucht mit angenehmer oder häufiger sexueller Aktivität zu verwechseln. Der Unterschied hierzu ist, dass gewöhnliche Menschen lernen können, ihr sexuelles Verhalten zu mässigen, während der Süchtige dies nicht kann. Er hat seine Fähigkeit "nein" zu sagen verloren, weil sein Verhalten Teil eines zyklischen Denkens, Fühlens und Handelns ist, das er nicht kontrollieren kann. Anstatt Geschlechtsverkehr als selbst-bestärkende Quelle von Lust in einer Ehe zu geniessen, benutzt der Sexsüchtige sexuelle Aktivität als Abhilfe gegen Schmerz oder Stress, ähnlich der Art wie ein Alkoholiker von Alkohol abhängt. Er leidet an einer zwanghaften Krankheit, die der Liebe entgegengerichtet ist und Geschlechtsverkehr in ein Grundbedürfnis verwandelt, für das alles andere geopfert werden kann, inklusive Familie, Freunde, Gesundheit, Sicherheit und Arbeitsstelle (Quelle 29). 

 
Ohne hier jetzt alle Entwicklungsstufen einer Sucht vorzustellen, wie dies Carnes und Anne Wilson Shaef in ihren Büchern durchführen, genügt es zu sagen, dass es aus verschiedenen Gründen Hoffnung für den zwanghaften Masturbierer gibt. Zum einen kann er zur Einsicht gelangen, dass er keine schlechte Person ist, sondern jemand, der an einer Krankheit leidet, welche behandelt und überwunden werden kann. Solange er sich selbst hasste und sich als wertlos empfand (Scham), glaubte er hoffnungslos zu sein (Verzweiflung). Zum anderen kann er mit der Hilfe eines geistlichen Direktors und Therapeuten entdecken, dass er seine Sucht überwinden kann. Es wird der Einübung der Zwölf Schritte durch Teilnahme in Selbsthilfegruppentreffen bedürfen. In dieser Hinsicht kann er unschätzbare Hilfe bei Treffen von Sexaholics Anonymous (S.A.) und Sex and Love Addicts Anonymous (S.L.A.A.) finden. 

 
Wenn ich hier betone, dass es Hoffnung für zwanghaft Masturbierende gibt, spreche ich nicht aufgrund von angelesenem Wissen sondern durch die Erfahrung von Menschen, welche ich zu S.A. und S.L.A.A. geschickt habe und durch meine Arbeit mit Mitgliedern von Courage in der Stadt New York. Courage ist eine geistliche Selbsthilfegruppe für katholische homosexuelle Menschen, die ihr Leben in Keuschheit leben möchten. Verbesserungen in der Praxis der Keuschheit treten nicht über Nacht ein. Sie sind ein gradueller Prozess, manchmal mit schmerzhaften Rückfällen. Es bedarf regelmässiger Beratung mit einem spirituellen Direktor, das im Herz gefühlte Eingeständnis der persönlichen Machtlosigkeit, gewissenhafte Teilnahme an Gruppentreffen, äusserste Ehrlichkeit darin, über sich selbst zu sprechen, und die tägliche Praxis von Meditation und tiefem Gebet. Dies bringt mich zu einer wichtigen Unterscheidung, welche der spirituelle Direktor bei seiner Beratung des zwanghaft Masturbierenden treffen sollte, weil sie diesem dabei helfen wird anzufangen, sich selbst richtig zu lieben.

 
Unterscheidung zwischen vergangenem Verhalten und Gegenwart

 
Der Süchtige muss zwischen der Verantwortung für sein vergangenes Verhalten und seiner Verantwortung für seine gegenwärtigen und zukünftigen Handlungen unterscheiden. Es ist jedoch praktisch unmöglich eine korrekte moralische Einschätzung des vergangenen Verhaltens des Süchtigen zu treffen. Wir haben keine Möglichkeit, die Arten und Ausmasse von zwanghaftem sexuellen oder anderem zwanghaften Verhalten zu kategorisieren. Jeder zwanghaft Masturbierende entstammt einem Umfeld mit unterschiedlich zusammenspielenden Lebensumständen und weist verschiedene Muster von Charakterzügen auf. Wie Rudolph Allers, wohl unter Zustimmung anderer Autoren, vor Jahren schrieb, "können wir nichts über die Natur der behaupteten unwiderstehbaren Impulse in Erfahrung bringen, wenn wir nicht alles wissen, was wir über die ganze Persönlichkeit herausfinden können" (Quelle 30).

 
Wie bei anderen Formen von Sucht, beginnt zwanghafte Masturbation in der Phantasie, und die Phantasie füllt den Kopf derart machtvoll aus, dass andere Gedanken und widerstrebende Motive keine wirkliche Chance haben, die Person von den lustbringenden Bildern abzulenken, die zur Masturbation führen. Das Bewusstsein wird auf eine Idee, ein Bild eingeengt. Dies ist Zwang im vollsten Sinne des Wortes.

 
Es gibt eine andere Form des Zwangs, in welcher man sich im Objekt der Begierde vertieft und das Gefühl hat, man müsse dem Impuls nachgeben, um physische Erleichterung zu erhalten, oder man müsse anderenfalls grosse Schmerzen erleiden. In diesem Fall ist der Betroffene sich bewusst, dass er widerstehen kann und eine andere Wahlmöglichkeit hat. Es gibt eine kleine Handlungsfreiheit, diese ist jedoch kaum gross genug, um ein ernsthaftes Verschulden zu begründen. Dies trifft umso mehr zu, wenn Menschen gegen diese Impulse ankämpfen während sie am Abend versuchen einzuschlafen oder wenn sie mitten in der Nacht oder beim Aufwachen am Morgen von der Versuchung zu masturbieren heimgesucht werden. Farraher kommentiert in grosser Länge diese und ähnliche Situationen, in welchen eine Person, die der Versuchung zur Masturbation während des Tages erfolgreich widerstanden hat, manchmal plötzlich während des Einschlafens am Abend oder beim Aufwachen am Morgen von sexuellen Phantasien überwältigt wird. Solange die Person sich echt darum bemüht, ihre Gedanken abzulenken, begeht sie sogar dann keine Sünde, wenn ein Orgasmus geschieht. Wenn sie unsicher ist, ob sie wirklich hart genug versucht hat von der Phantasie loszukommen, darf sie den Zweifel zugunsten ihrer Unschuld entscheiden. Gemäss den traditionellen Normen der Moraltheologie kann man annehmen, dass ihre Absicht während des Tages auch im Moment der nächtlichen Versuchung präsent war. Beichtväter und geistliche Berater sollten schuldgequälte Personen, die sich deshalb einer Sünde schuldig fühlen, weil sie zur Zeit des Orgasmus wach waren, darin bekräftigen, dass sie insofern nicht gesündigt haben, als von der Masturbation in diesem Falle davon ausgegangen werden kann, dass sie unfreiwillig war. "Ihm zu sagen, dass er sogar derartige unfreiwillige Erfahrungen vermeiden kann, wenn er es nur hart genug versucht und übernatürliche Mittel hierzu benützt, kann eine schwere Verängstigung und sogar Verzweiflung hervorrufen, da er nicht dazu in der Lage sein könnte das zu vermeiden, was wirklich unfreiwillig ist" (Quelle 31). 

 
Als Beichtvater hat man manchmal mit Personen zu tun, die Gott, ihrer Familie und ihrer Kirche sehr ergeben sind, sich zur selben Zeit jedoch selbst erotischen Situationen aussetzen, in denen sie grösste Mühe damit haben keusch zu bleiben. Man begegnet ebenfalls Priestern, Ordensbrüdern und Nonnen, die von sexuellen Phantasien verfolgt werden und sich gezwungen sehen diesen nachzugeben. Wieder andere empfinden an Masturbation kein Vergnügen, fühlen sich aber zum Masturbieren gezwungen. In all diesen Situationen empfehle ich zwei Schritte: (1) Suchen Sie einen professionellen Therapeuten, der die Lehre der Kirche bejaht, und (2) gehen Sie regelmässig zu katholischen Selbsthilfegruppen, wo man diese schmerzhaften Konflikte und zwanghaften Tendenzen diskutieren kann. Es gibt noch eine weitere Situation, in welcher sich ein zwanghaft Masturbierender finden kann. Ich möchte sie hier die Theorie des Momentes der Wahrheit nennen. Sie ist auch auf nicht-zwanghaft Masturbierende anwendbar. 

 
Gemäss Allers entsteht ein sogenannter unwiderstehlicher Impuls bereits bevor er vollständig entwickelt ist. Die Person hat eine unbehagliche Vorahnung, dass etwas geschehen wird. Sie ist in eine Form von Phantasie involviert, die oft pornographische Literatur oder Videos beinhaltet. Sie erkennt, dass sie die Phantasie oder die Pornographie loswerden sollte, handelt aber nicht entsprechend. Vielleicht gibt es auf der unbewussten Ebene einen Drang, in der Masturbation Befriedigung zu finden, den die Person sich auf der bewussten Ebene nicht eingesteht. Wiederum stellt Allers fest, dass die Person zu einem gewissen Grad dafür verantwortlich ist, nicht von diesem Moment der Wahrheit zu profitieren und stattdessen zuzulassen, vom sexuellen Verlangen versklavt zu werden. "Diese Handlung mag daher zwar nicht zu verantworten sein, sie ist trotzdem nicht entschuldbar, denn in der Tat hat die Person der Herausbildung dieser Handlung vorher zugestimmt" (Quelle 32). 

 
Wenn der zwanghaft Masturbierende die Zwölf Schritte praktiziert, erkennt er die latente Unehrlichkeit und das Verlangen nach sexueller Befriedigung in seinen vorherigen Bekundungen, die Handlung wirklich nicht gewollt zu haben. Teil des Heilungsprozesses ist, ehrlicher in Bezug auf die eigene Motivation zu werden. Das folgende Gedicht drückt dies aus:

 
Autobiographie in fünf kurzen Kapiteln
von Portia Nelson

 
1. Ich gehe, die Strasse entlang.
Ein tiefes Loch lauert im Gehsteig. Ich falle hinein.
Ich bin verloren... Ich bin hilflos. Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert ewig wieder den Weg nach draussen zu finden.

 
2. Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Ein tiefes Loch lauert im Gehsteig. 
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, wieder am selben Ort zu sein. 
Aber es ist nicht meine Schuld.
Es dauert wieder lange bis ich mich befreie.

 
3. Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Ein tiefes Loch lauert im Gehsteig.
Ich falle immer noch hinein... es ist eine Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiss, wo ich bin.
Es ist meine Schuld.
Ich entkomme sofort.

 
4. Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Ein tiefes Loch lauert im Gehsteig.
Ich laufe um das Loch herum.

 
5. Ich laufe eine andere Strasse entlang.

 

 
Pastorale Ansätze zur Masturbation

 
Auf pastoraler Ebene ist es keine nützliche Hilfe darüber zu spekulieren, wie gross die Verantwortung des Masturbierenden für sein zwanghaftes Verhalten der Vergangenheit war, es ist am besten ihm dabei zu helfen, ein geistliches Programm aufzustellen. Die Frage ist, ob der Süchtige die bekannten Mittel einsetzen wird, um sein Verhalten in der Zukunft unter Kontrolle zu bringen. Es ist nun an der Zeit, die pastoralen Ansätze zum Problem der Masturbation im Detail zu durchleuchten. 

 
Zunächst die falschen Ansätze: Der ganz offen irreführende Ansatz ist die Ansicht, wonach Jugendliche aus dem Problem herauswachsen werden. Viele tun dies nicht. Ein anderer Mythos ist, dass wer Masturbation praktiziert daher mit einer weniger grossen Wahrscheinlichkeit mit einer anderen Person des gleichen oder anderen Geschlechts Geschlechtsverkehr haben wird. Dies mag in einigen Fällen wahr sein, aber gemäss der Erfahrung anderer hat sie die Masturbation gerade auf das Ausleben ihres Geschlechtstriebes im Geschlechtsverkehr vorbereitet. In einigen Situationen wurde Masturbation zur Linderung von körperlichen Spannungen gleichsam als Form von Sexualtherapie empfohlen. Andere Therapeuten benutzen Masturbation wie eine sexuelle Abreaktion, was angeblich ein therapeutischer Weg zum Abbau von traumatischen Sexualerfahrungen in der Kindheit sein soll (dieser Ansatz wird von anerkannten Therapeuten nicht mehr angewandt). Gegenseitige Masturbation wurde von Homosexuellen als "sicherer Sex" angewandt. Wieder andere Berater versuchen das Problem mit dem Ratschlag zu minimieren, sich um dieses Thema einfach keine Sorgen zu machen. In der Tat betrachten viele Priester, Seminaristen und Religionslehrer in unseren katholischen Schulen sogar die Gewohnheit der Masturbation als nicht zu behandelndes Thema oder bestenfalls vielleicht als rein psychologisches Problem. Und so breitet sich dieses weiter aus.

 
Es gibt aber auch sinnvolle Ansätze: es scheint nämlich, dass die korrekte Einstellung dem Problem gegenüber ist, gewohnheitsmässige und zwanghafte Masturbation als lösbare Probleme zu betrachten, sofern der Betroffene einem spirituellen Programm folgt. Er muss für seine Zukunft Verantwortung übernehmen. Je freier er von dieser Verwirrung wird, desto verantwortlicher wird er auch für seine Zukunft. Dieser Zusammenhang wird klarer, wenn ich im Folgenden einige typische Situationen aus verschiedenen Lebensumständen beschreibe. Ich werde mit Jugendlichen beginnen und auf Masturbation im Kindesalter später eingehen.

 
Jugendliche: Da Jugendliche von den Medien konstant mit sexuellen Stimuli bombardiert werden, da Eltern und Lehrer ihnen oft keine moralischen Leitlinien vorgeben und da sich schliesslich sogar die Priester und Ordensleute nicht zu diesem Thema äussern, erstaunt es nicht, dass Jugendliche über die Moralität von Masturbation nicht bescheid wissen. Einige von ihnen wurden schon zu Sklaven der Masturbation bevor sie sich voll darüber bewusst wurden, dass diese moralisch schlecht ist. Ich benutze den Begriff "voll", da trotz aller Gehirnwäsche in unserer Kultur viele Jugendliche das unangenehme Gefühl haben, dass Masturbation verkehrt ist (Quelle 33).

 
Gleichzeitig fühlen sie sich hilflos der Unfähigkeit ausgesetzt, eine bereits existierende Gewohnheit unter Kontrolle zu bringen. In ihrer Scham und Schuld vermeiden sie es, dieses Thema mit Beratern zu diskutieren - zuallerletzt mit Priestern, die als Autoritätspersonen angesehen werden. In dieser Selbstunsicherheit und verwirrt durch die von der Sexkultur und manchmal von ihrer eigenen Familie angebotenen Werte, ziehen sich diese Jugendlichen bereitwillig in ihre Phantasiewelt aus Sex-Romantik und Vergnügen zurück.

 
Oft fürchten sie sich vor echten Beziehungen mit Menschen des anderen Geschlechts und bleiben daher im Phantasieland der Masturbation. Wenn man zu diesem moralischen Chaos nun noch vage und irreführende Lehrmeinungen zu Masturbation im Religionsunterricht einiger katholischer Schulen hinzufügt, kann man gut verstehen, warum unsere jungen Leute heute Masturbation nicht einmal mehr als moralisches Problem im Beichtstuhl erwähnen. Dies ist umso mehr ein Grund für Priester, Jugendlichen, welche diese Frage stellen, ernsthaft zu antworten. 

 
Wir müssen ihnen die angemessene geistliche Richtung geben, indem wir ihren Wunsch nach Keuschheit anerkennen und ihnen ganz konkrete Hilfestellungen zu diesem Thema anbieten, wie dies Pater Benedict Groeschel in seinem englischsprachigen Buch The Courage to Be Chaste macht.

 
Vielleicht erkennen wir gar nicht die riesige angestaute Schuld in diesen Jugendlichen mit Masturbationsgewohnheit. Sie merken, dass etwas in ihrem Tun falsch ist, obwohl ihnen gesagt wird, sich darum keine Gedanken zu machen, oder dass sie nichts dagegen machen könnten, oder dass sie da herauswachsen würden. Sie benötigen eine konkrete Anleitung und Hilfestellung aber sie werden letztere nicht erhalten bevor sie über die Moralität der Masturbation und die psychologischen Faktoren, welche sie in der Ausübung ihres freien Willens behindern, aufgeklärt werden. Es ist meine feste Überzeugung, und auch die vieler anderer Beichtväter, dass viele jugendlichen Jungen heute nicht zur sonntäglichen Heiligen Kommunion gehen, weil sie merken, die Gewohnheit der Masturbation nicht abstossen zu können. 

 
Junge Erwachsene: Gemäss dem Mythos sind diese jungen Leute aus der Gewohnheit der Masturbation herausgewachsen. Seit Heiraten in die mittleren und späten Zwanzigerjahre des Lebens verschoben wird, seit Verlobungen über mehrere Jahre andauern und mit konstanter Erregung durch die Brautschau-Situation, die Medien und anzügliche Werbung einhergehen, ist es nicht verwunderlich, dass viele Männer und Frauen auf Petting zur Erzeugung von Orgasmen verfallen. Unter Petting versteht man gegenseitige Masturbation wie beispielsweise oralen Sex. Individuen, welche sich auf diese Weise betätigen, betrachten sich selbst immer noch als jungfräulich, da sie keinen vaginalen Geschlechtsverkehr hatten. Sie werden "technisch jungfräulich" bezeichnet, da sie die Tugend der Reinheit wiedererlernen müssen. 

 
Andere Singles leben in ihrer Phantasie, wenn sie nicht in der Arbeit sind. Sie sind aus verschiedenen Gründen mit niemandem des anderen Geschlechts ernsthaft befreundet, sind unschlüssig, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, haben keine Verpflichtungen gegenüber einem Ehepartner oder Kindern und flüchten sich häufig in verschiedene Formen der Phantasie wie romantische Romane, Erotikzeitschriften, Erotikfilme oder nächtliche Barbesuche am Wochenende. Sie sind mit vielen Bekanntschaften sehr beschäftigt und gleichzeitig sehr einsam. Ihr Hang zur Masturbation überschreitet oft die Linie zum genitalen Geschlechtsverkehr wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Kurzgefasst, sie haben Sex zu ihrem Idol gemacht. Wenn man als ihr Ratgeber sie auf ihre Einsamkeit aufmerksam machen würde, würden sie diese abstreiten und auf ihre zahlreichen "Freunde" verweisen. Sie geniessen das Vergnügen der sexuellen Aktivität ohne die dazugehörige Verantwortung.

 
Es ist sehr schwierig diese Gruppe zu erreichen, sie kommt meist nur zu Weihnachten und Ostern in die Kirche, um ihren Familien einen Gefallen zu tun. Es kann geschehen, dass sie in ihren Dreissigerjahren die Einsicht gewinnen, dass der Sinn des Lebens aus mehr besteht als aus Sex, und sie dann geistliche Beratung suchen. In ihrem Fall ist die sexuelle Aktivität nicht so sehr das Problem, denn sie ist nur ein Symptom ihrer tiefen geistlichen Leere.

 
Ältere erwachsene Singles: Meiner Erfahrung nach beginnen Christen über die Bedeutung ihres persönlichen Lebens nachzudenken, wenn sie in ihre späten Dreissigerjahre kommen ohne eine Berufung in ihrem Leben gewählt zu haben, wie zum Beispiel Heirat, das Ordensleben, Priestertum oder das Leben als Single im Dienste Christi in der Welt. Oft sind sie so in ihre Karriere vertieft, dass sie die quälenden Gedanken über ihren christlichen Auftrag leicht unterdrücken können. Das sexuelle Verlangen bleibt jedoch so stark wie immer, wird sogar noch ausgeprägter, und die Personen verbringen mehr Zeit in einer Phantasiewelt, wobei die Phantasie selbst zwanghaft wird und zu häufiger, wenn nicht sogar täglicher, Masturbation führt. 

 
Dies, wiederum, führt zu starken Scham- und Schuldgefühlen. Wenn der Betroffene für dieses Problem keine geistliche Beratung einholt, oder wenn er trotz Suche keine findet, wird er seine Last in die mittleren und späten Lebensjahre weitertragen. Es kann sein, dass er in jedem anderen Lebensbereich sehr erfolgreich ist und sich dennoch mit seiner geheimen Sünde verzweifelt fühlt. Es scheint niemanden zu geben, mit dem er in der Hoffnung, das Problem zu lösen, reden könnte: die geistlichen Berater, welche er aufsuchte, haben ihm keinen angemessenen Weg aufgezeigt, mit dem Problem fertig zu werden. Er mag vielleicht sogar den Rat erhalten haben Masturbation nicht in der Beichte zu erwähnen, da man über sie keine wirkliche Kontrolle habe. Welche möglichen Auswege kann ein geistlicher Berater hier aufzeigen?

 
Geistliche Leitlinien
 

 
Ich glaube, dass sich die folgenden Leitlinien als hilfreich erwiesen haben:

 
(1) Helfen Sie dem Betroffenen, über den Sinn seines Lebens nachzudenken, über seine Hoffnungen, seine Erfolge, Misserfolge, alles Frustrierende und seine Einsamkeit. Versuchen Sie herauszufinden, was ihn innerlich auffrisst, denn Masturbation ist oft ein Symptom für Ruhelosigkeit in der Seele und dieses gilt es zuerst anzugehen.

 
(2) Wenn er orientierungslos dahindriftet, bieten Sie ihm einen geistlichen Lebensplan an wie denjenigen, welchen ich für homosexuelle Menschen geschrieben habe: A Spiritual Plan to Redirect One's Life (englische Publikation im Verlag Daughters of St. Paul). 

 
(3) Machen Sie ihm klar, dass die meisten Menschen die Tendenz dazu haben, in angenehme Phantasiewelten abzudriften, wenn die Realität hart und trostlos erscheint und Masturbation oft lediglich aus sexuellen Phantasien entsteht. Die geistliche Strategie ist, zu lernen, wie man sich selbst von sexuellen Phantasien wieder in die Realität zurückbringt, sobald man das Abdriften in sexuelle Phantasien bemerkt. Eine Technik hierbei, die bei einigen Personen erfolgreich wirkt, ist das Beten eines kurzen Gebetes gefolgt von physischer Arbeit im Freien, wie zum Beispiel Arbeit im Garten, ein Spaziergang etc. Haben Sie sich schon einmal in Phantasien von Zorn, Eifersucht oder Sex befunden und erlebt, wie die ganze Phantasie plötzlich verschwindet, wenn das Telefon klingelt und man abnimmt? Die Kunst, welche es zu lernen gilt, ist es, in der Realität zu verbleiben.

 
(4) Teilen Sie Ihre Schwierigkeiten einem geistlichen Begleiter mit und versuchen Sie zusätzlich eine geistliche Selbsthilfegruppe wie Sexaholics Anonymous (S.A.) zu finden. Zwanghafte und gewohnheitsmässige Masturbierer konnten auf diesen Treffen echte Freundschaften schliessen. Die Pflege echter Freundschaften mit echten Menschen reduziert die Macht sexueller Phantasien ganz beträchtlich, während sie das eigene Selbstwertbewusstsein stärkt.

 
Masturbation bei Verheirateten

 
Es gibt viele Faktoren, welche zur Anwendung von Masturbationspraktiken bei Verheirateten führen. Einige Personen bringen vor der Ehe geformte Gewohnheiten in die Ehe mit, andere masturbieren, wenn sie nicht mit ihrem Ehepartner zusammensein können oder wenn Geschlechtsverkehr wegen Krankheit nicht angeraten ist oder sie merken, dass ihr Partner nicht mit ihnen verkehren möchte. Manchmal benutzen Ehepaare Masturbation als Form der Empfängnisverhütung. Oraler Sex, Analsex und gegenseitiges Berühren der Geschlechtsorgane, bis der Punkt des Orgasmus erreicht wird, dies alles hat in vielen Ehen den Platz von vaginalem Geschlechtsverkehr eingenommen (Quelle: 35). Manchmal wendet ein Ehemann Masturbation an, weil er befürchtet, zu einem vaginalen Geschlechtsverkehr nicht fähig zu sein. Der pastorale Ansatz muss hier auf eine Vielzahl unterschiedlicher Situationen abgestimmt werden.

 
Wenn jemand die Gewohnheit der Masturbation in die Ehe mitgebracht hat, muss man die Geschichte der Person verstehen, um ihm oder ihr beim Loswerden der Gewohnheit wirksam helfen zu können. Wo aber die Gewohnheit der Masturbation mit der Beziehung zwischen den Eheleuten zusammenhängt, sollte der geistliche Begleiter den Eheleuten bei der Lösung ihrer Beziehungsprobleme helfen und, wenn nötig, sie zu einem professionellen Eheberater schicken. Manchmal verfällt ein vom anderen Ehepartner total vernachlässigter Ehepartner aus reiner Einsamkeit der Masturbationsgewohnheit. So schwer diese Situation sein mag, kann der Betroffene lernen, sein sexuelles Verlangen in tugendhafter Aufopferung für seine Kinder und den nachlässigen Ehepartner aufzulösen.

 
Oft werden Männer mittleren Alters von ihrer Arbeit so vereinnahmt, dass ihnen gar nicht bewusst ist, ihre Ehefrau vernachlässigt zu haben, und dass diese in ihrer Einsamkeit in Versuchung gerät, in Masturbation oder Ehebruch abzugleiten. Manchmal haben diese Männer Angst, ihre Ehefrauen beim Geschlechtsverkehr nicht mehr länger befriedigen zu können, und flüchten sich daher in Arbeit und verschiedene soziale Aktivitäten. In der heutigen Zeit sind darüber hinaus viele verheiratete Frauen so in ihren eigenen Karrieren vertieft, dass sie sehr wenig Qualitätszeit für ihre Ehemänner und Kinder haben. Sie machen es damit wahrscheinlicher, dass ihre Ehemänner sexuelle Befriedigung in Ehebruch oder Masturbation suchen.

 
Masturbation bei Seminaristen

 
In früherer Zeit wachten die geistlichen Begleiter von Seminaristen, meist waren dies Ordensleute oder Diözesanpriester, aufmerksam auf die geistliche Fitness ihrer Schützlinge. Masturbation wurde als ernsthaftes Problem angesehen, das zunächst überwunden werden musste, bevor man die Priesterweihe oder Diakonsweihe empfangen durfte. Es wurde empfohlen, dass alle Kandidaten seit mindestens einem Jahr vor der Weihe die Gewohnheit der Masturbation abgelegt haben sollten. Falls die Masturbation unfreiwillig geworden war, sollte der Betroffene eine professionelle Therapie besuchen, da niemand das zölibatäre Leben mit der Last der Schuld und Scham beginnen sollte, welche mit einer solchen Schwäche einhergeht (Quelle 37). Seminaristen wurden darüber informiert, dass sie eine Verpflichtung dazu haben einen ständigen geistlichen Begleiter zu wählen anstatt von einem Beichtvater zum anderen zu wechseln. In der heutigen Zeit wird das Sakrament der Beichte von Ordensleuten und Priestern vernachlässigt. Man muss daher auf die grosse Bedeutung eines ständigen Beichtvaters wiederholt hinweisen.

 
Ich glaube nicht, dass irgendjemand wirklich weiss, was geistliche Begleiter Seminaristen mit der Gewohnheit zur Masturbation raten. Meine Vermutung aufgrund meiner zwölfjährigen Erfahrung mit meinen Einkehrtagen für Priester und Ordensleute ist, dass die Ratschläge von der Art Moraltheologie weichgespült wurden, die Masturbation nicht als schwere moralische Verwirrung betrachtet. Ein Grundtraining über die objektive Schwere des Masturbationsaktes und die persönliche Verantwortung zur Überwindung der Masturbation ist daher an aller erster Stelle notwendigerweise geboten. Da Masturbation darüber hinaus auch zwanghaft werden kann, ist es manchmal nötig, die Dynamik des sexuellen Zwanges zu erklären.

 
Unter den Autoren zum Thema Masturbation ist Donald Goergen mit seinen Ansichten der bei Seminaristen und Ordensleuten weiterhin einflussreichste. Goergen vertritt die Ansicht, dass Masturbation nicht "von Natur aus unmoralisch (intrinsically immoral)" ist (Quelle 38). Goergen glaubt ferner, dass Masturbation für einige reif und ihrem Leben angepasst, für andere dagegen unreif und unangepasst sein könne. Er glaubt, Masturbation bei Jugendlichen und viele Formen der Masturbation bei Erwachsenen seien gesund und in keiner Weise schädlich. Für zölibatär Lebende sei Masturbation nicht unmoralisch oder sündhaft, würde aber eine Abweichung vom Ideal bedeuten. Gemäss Goergen ist "Masturbation ein Element im persönlichen Leben eines zölibatär Lebenden, das ein geschlechtliches Bedürfnis aufzeigt aus welchem er herauswachsen möchte - nicht, weil Geschlechtlichkeit überhaupt unangemessen wäre, sondern weil es ihm in seinem zölibatären Leben nicht besonders dient" (Quelle 39).

 
Trotz der Tatsache, dass Goergens Ansichten der Lehre der Kirche über die Moralität der Masturbation und der Bedeutung der geweihten Keuschheit (consecrated chastity) widersprechen, haben sie seit ihrer Veröffentlichung viele Seminaristen und Ordensleute beeinflusst. Ich werde später nochmals auf Goergen eingehen. An dieser Stelle geht es mir um den Seminaristen, der seine Gewohnheit der Masturbation überwinden möchte.

 
Dieselben Grundsätze, welche ich oben für Singles entwickelt habe, können auch auf Seminaristen angewandt werden - mit einer Ausnahme. Der Seminarist hat sich auf ein zölibatäres Leben verpflichtet, der Laie kann eine Ehe anstreben. Der Seminarist mag fürchten, dass er für ein zölibatäres Leben wegen seiner gegenwärtigen Schwierigkeiten nicht geeignet ist und überlegt sich daher eventuell, das Seminar oder das Ordensleben zu verlassen. Bevor er diese Entscheidung trifft, sollte er sich bewusst sein, dass er den Rat eines klinischen Psychologen und des Seminarleiters bedarf, und beiden sollte er die Erlaubnis erteilen, sich miteinander über die Situation des Seminaristen zu beraten. Es ist unklug, wenn der Seminarleiter oder der Psychologe isoliert voneinander arbeiten, wie dies in der Vergangenheit so oft mit tragischen Folgen geschah.

 
Es ist auch unklug, wenn der geistliche Leiter eines Seminars oder das Ausbildungsteam eines Klosters keine klaren Richtlinien aufgestellt haben, aus denen deutlich hervorgeht, dass innere Keuschheit inklusive Freiheit von Masturbation die Voraussetzung für die Ordination oder das Ablegen der ewigen Ordensgelübde ist. Der geistliche Leiter eines Seminars sollte sorgfältig auf die persönliche Geschichte besonders der Personen blicken, die von zwanghaften Versuchungen zur Masturbation heimgesucht werden. Die Versuchungen können eine Bedeutung jenseits von gewöhnlicher Lust haben und es gibt keinen Weg, dies ohne eine Art von Beratung herauszufinden. Manchmal werden Menschen von erotischen Gedanken überwältigt, wenn sie sich ihrer Berufung nicht sicher sind. Vielleicht muss die Motivation an der Wurzel ihrer Berufung untersucht werden.

 
Jede Situation ist hierbei unterschiedlich. Falls der Beichtvater, der Psychologe oder der Seminarist Zweifel haben, ist eventuell ein Jahr Abwesenheit vom Priesterseminar und eine zwischenzeitlich auszuübende Art von Pastoralarbeit förderlich. Am Ende dieser Periode kann dann eine Neueinschätzung erfolgen. Es sollte dabei bedacht werden, dass jede Art von Fortbildungsprogramm eines Seminars oder Ordens nicht wirklich das tägliche Arbeitsleben widerspiegelt. Es ist ein Leben in einer relativ geschützten Umgebung, in welcher die Phantasie Überstunden leistet, wo gewöhnliche Rückschläge des Lebens grösser als üblich erscheinen und wo emotionale Schwierigkeiten mit Mitbrüdern eine fixe Idee werden können. Unter solchen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass die Einbildungskraft ausser Kontrolle geraten kann und sie sexuelle Phantasien und Versuchungen zur Masturbation hervorrufen kann.

 
Zusammengefasst glaube ich, dass wir heute im Bereich der Seminaristen und der Ausbildung männlicher Ordensleute bessere Mittel zu unserer Verfügung haben, um gewohnheitsmässige und zwanghafte Masturbation überwinden zu können. Wir haben den Wert eines geistlichen Unterstützungssystems in der Anstrengung, keusch zu leben, erkannt und haben gelernt, über die Masturbationshandlungen hinaus auf ihre Ursachen zu blicken. Als geistliche Begleiter sehen wir den ganzen Menschen. Auf der einen Seite sollen wir eine Person, die über eine gewisse Zeit deutliche Fortschritte in ihrer Überwindung von Versuchungen erzielt hat, darin bestärken, ihre Versuche fortzusetzen und nicht aufzugeben. Mit "Fortschritten" meine ich mehr als nur die Vermeidung von Masturbation. Ich meine damit eine gewandelte Einstellung zur eigenen Sexualität, die Annahme der Natur des eigenen Körpers und eine Integration des sexuellen Verlangens in die Eigenwahrnehmung der eigenen Rolle als Priester oder im Ordensleben, die William F. Lynch "freiwillige Sublimierung von sexuellem Verlangen" nennt.

 
Wenn wir, auf der anderen Seite, feststellen, dass die Anstrengungen eines Betroffenen zur Überwindung der Masturbationhandlungen trotz psychologischer Beratung zu keiner Verbesserung führen, scheint es richtig zu sein, ihm zu raten, den Orden oder das Priesterseminar zu verlassen. Das Fehlen einer Verbesserung bedeutet einen Grund für ernstzunehmende Zweifel an der religiösen Berufung des Betroffenen. Solche Zweifel sollten zugunsten der Kirche durch den Austritt des Betroffenen aus dem Priesterseminar oder dem Orden gelöst werden.

 
Masturbation bei Priestern und Ordensbrüdern

 
Im Allgemeinen stehen Versuchungen zur Masturbation bei Priestern und Ordensbrüdern in Zusammenhang mit emotionalen Faktoren wie Einsamkeit, Selbsthass, Zorn und Ereignissen aus der Vergangenheit. Sie können auf diese Versuchungen mit weitaus weniger Angst blicken als diejenigen, welche noch nicht die Priesterweihe erhalten haben oder die ewigen Gelübde abgelegt haben, da sie schon ein gewisses Mass an Sicherheit erlangt haben. Trotzdem fühlen sie sich in einem Doppelleben, indem sie all jenen, mit denen sie arbeiten, als zölibatär Lebende bekannt sind, und sie fühlen Scham, dass sie masturbieren, wobei die Masturbation häufig zwanghaft ist. Viele werden von der übersexualisierten Umgebung, in der wir alle leben, beeinflusst. So ist es zum Beispiel nicht ungewöhnlich, dass ein Ordensbruder oder Priester nach einem anstrengenden Tag mit ermüdenden Aufgaben und Konferenzen vor dem Schlafengehen das Kabelfernsehen anschaltet und sich einen sexuell stimulierenden Film ansieht. Die Folge kann ein Muster aus Masturbation und gestörtem Schlaf sein.

 
Dies trifft natürlich auch auf viele Laien zu, welche in die sexuelle Phantasiewelt des Kabelfernsehens hineinschlittern. Was in einer solchen Situation nötig ist, ist rigorose Ehrlichkeit bei der Vermeidung unnötiger sexueller Stimuli und die Anstrengung, gedanklich in der realen Welt zu verbleiben. Man sollte es sich zur Gewohnheit machen, wöchentlich oder alle zwei Wochen zur Beichte zu gehen. Einige Ordensbrüder und Priester gehen darüber hinaus regelmässig zu geistlichen Selbsthilfegruppentreffen wie Sexaholics Anonymous, um sich von ihrem sexuellen Verhalten zu befreien.

 
Masturbation bei Ordensschwestern

 
Die Faktoren, welche zu Masturbationsmustern bei Ordensschwestern führen, sind nicht wesentlich von denen anderer Frauen verschieden, egal ob diese alleinlebend, verheiratet oder geschieden sind. Ein Element ist emotionale Unreife, welche analog auch bei männlichen Ordensleuten vorkommen kann. In der Praxis bedeutet dies, dass diese Betroffenen emotional in Beziehung zu Menschen des anderen Geschlechts nicht ausgereift sind und wie Jugendliche dazu neigen, eine beträchtliche Zeit in Phantasien abzugleiten, was die Tendenz zur Masturbation zur Folge haben kann. Wie bei männlichen Ordensleuten steigt jedoch auch bei den weiblichen die gefühlte Schuld mit dem Eindruck, dass man ein Doppelleben führt. 

 
Im Gegensatz zu männlichen Ordensleuten ist es bei Ordensschwestern weniger wahrscheinlich, dass sie die Linie zur geschlechtlichen Aktivität mit einer anderen Person überschreiten. Zu einem gewissen Teil mag dies daran liegen, dass männliche Ordensleute über grössere Abschnitte unstrukturierter Zeit verfügen und sie der Gemeinschaft weniger Rechenschaft schuldig sind als dies bei Ordensfrauen der Fall ist. Da viele Nonnen jedoch weltliche Kleidung übernehmen und im Berufsleben Karrieren nachgehen während sie in Appartements leben, kann es passieren, dass sie emotional mit anderen Menschen starke Beziehungsbande aufbauen, dass ihre Phantasie über sexuelle Erfahrungen intensiviert wird und es kann, bei gegebener Vernachlässigung ihres Gebetslebens, passieren, dass sie es schwieriger finden, der Versuchung zur Masturbation zu widerstehen. Da sie eventuell Angst vor dem Beginn genitaler Aktivitäten mit ihnen emotional eng verbundenen Personen haben, kann es sein, dass sie sich mit Phantasien und Masturbation zufrieden geben. Andere Nonnen, die in Klostern mit Klausur oder teilweiser Klausur leben und den traditionellen Habit tragen, haben eventuell keine andere Vertrauensperson als den Priester. Diese Einsamkeit ist ein fruchtbarer Boden für sexuelle Phantasien. Es gibt natürlich auch andere Faktoren wie zum Beispiel traumatische sexuelle Erlebnisse in der Kindheit, Einsamkeit, Zorn oder ein geringes Selbstwertgefühl.

 
Homosexualität und Masturbation
 

 
Hier gibt es einige Punkte anzumerken. Erstens sollte man die Art der Phantasie untersuchen, welche in einer Person, welche Grund zur Annahme hat homosexuell zu sein, zur Masturbation führt. Betrifft diese Phantasie Kinder oder Jugendliche? Hat sie sado-masochistische Bilder, wie zum Beispiel die Vorstellung von einer anderen Person geschlagen zu werden oder dem anderen Leid zuzufügen? Falls dies der Fall ist, benötigt das Individuum eine professionelle Therapie. Falls sich, zweitens, die Person für bi-sexuell hält, weil sie sexuelle Erfahrungen mit beiden Geschlechtern hatte, sollte man ihr helfen über ihre Phantasiemuster nachzudenken. Falls die Phantasien hauptsächlich heterosexueller Natur sind, sind die Chancen gross, dass diese Person in ihrer sexuellen Orientierung hauptsächlich heterosexuell ist. Falls andererseits die Phantasien hauptsächlich homosexueller Natur sind, ist es wahrscheinlich, dass die Person an dieser Entwicklungsstufe auf eine homosexuelle Orientierung fixiert ist. Ich treffe diese Unterscheidung, weil Jugendliche, welche Phantasien über Personen des gleichen Geschlechts haben, im Laufe ihres Reifeprozesses aus dieser Art von Phantasien herauswachsen können, besonders wenn sie die Hilfe einer Therapie erhalten (Quelle 41). 

 
Ich glaube, dass homosexuelle Menschen mit Masturbation grössere Schwierigkeiten haben als heterosexuelle Menschen. Eine homosexuelle Person mag oft nicht einmal sich selbst gegenüber eingestehen, dass sie diese sexuelle Orientierung hat und zieht sich manchmal in ein intensives Phantasieleben mit zwanghafter Masturbation zurück (Quelle 42). Die Person fürchtet ihre Orientierung anderen gegenüber mitzuteilen und betrachtet Masturbation als sichere Alternative, besonders auch in der heutigen Zeit mit der Gefahr durch AIDS. Da zudem eine homosexuelle Person es verglichen mit einer heterosexuellen Person schwerer hat, Intimität und Freundschaft zu finden, ist es nicht überraschend, wenn sie zu Masturbationsgewohnheiten neigt. Die Gewohnheit der Masturbation erhöht jedoch bei homosexuellen Menschen ihre Anfälligkeit für Promiskuität. Zunächst beginnen sie mit Phantasien und Masturbation, dann besuchen sie regelmässig die Homosexuellentreffpunkte, um dann später jemanden für einen One-Night-Stand zu finden. In Gruppendiskussionen betonen homosexuelle Personen daher oft die drastische Bedeutung des Problems von Masturbation in ihrem Leben und sie betrachten das Abgleiten in Masturbationshandlungen als Misserfolg in ihrem Kampf um Keuschheit.

 
In der momentanen AIDS-Epidemie wurde gegenseitige Masturbation zur Hauptform von sogenanntem "sicheren Sex". Während es medizinisch sicher sein mag, zerstört Masturbation die Beziehung der Person mit Gott während es die Person davon abhält, in der Beziehung zu sich selbst ihre eigene Sexualität zu integrieren. Sogar wenn die Gewohnheit der Masturbation unfreiwillig ist, stellt sie immer noch einen Mangel an Integration innerhalb der eigenen Person dar. Egal ob freiwillig oder unfreiwillig, Masturbation führt zu tiefen Schuld- und Schamgefühlen in der Person. Es ist daher nötig, diese Gefühle genauer zu erkunden. 

 
Schuld und Scham in allen Formen der Masturbation

 
Man muss zwei Arten von Schuld unterscheiden: die gesunde und die neurotische Schuld. Wenn ich aus freiem Willen etwas Schlechtes gemacht habe, sollte ich mich schuldig fühlen, weil ich Gottes Gesetz gebrochen habe, das in das menschliche Herz eingraviert ist (Römer 2:15). Wenn ich jedoch einem Alkoholiker kein Geld in Höhe des Preises einer Flasche Whiskey gebe und mich dann schuldig fühle, weil ich nicht auf seine Bitte eingegangen bin, erlebe ich eine Art von neurotischer Schuld. Es ist diese Art von Schuld welche Kinder erfahren, wenn sie beobachten, wie ihre Eltern auf dem Weg zur Scheidung auseinander driften, denn die Kinder fühlen, es wäre ihre Schuld. In gleicher Weise quälen sich viele Menschen unnötig mit Fragen der Masturbation. Ich beziehe mich hier in erster Linie auf vorbildlich lebende Personen deren einzige "Sünde" die Masturbation ist. Der geistliche Berater oder Beichtvater, der den Kampf dieser Leute kennt, versucht ihnen klar zu machen, dass es bei ihnen keine freie Einwilligung zum Impuls der Masturbation gab. 

 
Es ist keine schwere Sünde, wenn eine Person masturbiert während sie nicht bei vollem Bewusstsein ist, beispielsweise wenn sie erst halb wach ist oder schon halb schläft, oder wenn sie sich von einer plötzlichen Passion mitgerissen fühlt und sich beim Begehen des Aktes wiederfindet, obwohl ihr Wille Widerstand geleistet hat. Es ist dies eine der Folgen der Erbsünde: menschliche Leidenschaften neigen nun einmal dazu, über willentliche Handlungen die Oberhand zu gewinnen (Römer 7:1-20). Ein Individuum kann dieser Argumentation zustimmen und sich trotzdem in ihrem Inneren der Masturbation schuldig fühlen, weil es sich sagt: "Wenn ich es härter versucht hätte, hätte ich nicht diese Phantasien erlebt. Ich sollte fähig sein, alle meine unkeuschen Gedanken loszuwerden."

 
Das Problem mit diesem Schuldgefühl ist, dass es voraussetzt, dass wir Menschen die perfekte Kontrolle über unsere Leidenschaften haben, nicht nur über die sexuelle Lust sondern auch über Habgier, Zorn und andere verwirrte Emotionen. Wir wissen, dass wir keine derartige Kontrolle haben. Die in Masturbation verwickelte Person muss jedoch glauben, dass sie mit Gottes Gnade die Gewohnheit der Masturbation überwinden kann. Aber es benötigt eine gewissenhafte Einhaltung eines geistlichen Programms. Manchmal ist hierzu auch psychologische Beratung nötig, über die ich später mehr ausführen werde. Meiner pastoralen Erfahrung nach ist das Schuldgefühl ein ständiger Begleiter der Masturbation. In vielen Individuen findet sich jedoch auch ein Schamgefühl, das vom Schuldgefühl unterschieden werden kann.

 
Der Unterschied zwischen Scham und Schuld

 
Scham geht über Schuld hinaus, denn Schuld betrifft nur Gefühle und das Urteil, gegen sein Gewissen gehandelt zu haben und daher die schlechte Tat bereuen zu müssen, während Scham das Gefühl ist, selbst nicht gut zu sein, wertlos zu sein, und sein Verhalten nicht kontrollieren zu können. Dieser intensive Selbsthass findet sich zu Beginn der zwanghaften Masturbation und anderen Formen von Zwanghaftigkeit. Wahrscheinlich ist zwanghafte Masturbation weiter verbreitet als jede andere sexuelle Sucht, weil sie so leicht verfügbar ist und über eine lange Zeitdauer unter totaler Geheimhaltung und scheinbar ohne schädliche soziologische Folgen angewandt werden kann. In der Tat wird sie oft gar nicht als Problem angesehen und entsprechend gar nicht ernst genommen. E. Michael Jones nennt sie "das Einstiegs- und am meisten verbreitete Laster" (Quelle 43). 

 
Weitere Empfehlungen zum Leben ohne Masturbation

 
Nachdem wir nun einige der häufigsten Formen der Masturbationsausübung beschrieben haben - und ich gebe zu, seltenere Formen hier weggelassen zu haben - werde ich nun einige pastorale Ratschläge anbieten, welche von mir beratene Personen als hilfreich erachtet haben. Dabei bin ich mir bewusst, dass es keine unfehlbaren Ratschläge gibt und dass manchmal trotz gewissenhafter Verwendung solcher Vorschläge die Betroffenen gelegentlich auf ihre so tief in ihrer Person verwurzelte Tendenz zurückfallen. Bei der Entwicklung eines pastoralen Ansatzes ist es notwendig zu verstehen, dass das Phänomen Masturbation im Kontext des Lebens des Betroffenen gesehen werden muss, da in diesem Kontext die versteckte Bedeutung der Masturbation für den Betroffenen liegt. Masturbation bei Kindern ist wesentlich anders von der bei Jugendlichen oder der bei Erwachsenen und unter Erwachsenen finden sich verschiedene Arten von Masturbationsaktivitäten, welche jede eines unterschiedlichen pastoralen Ansatzes bedürfen.

 
Kindheit: Was auch immer der Grund für Masturbation in der Kindheit sein mag, es ist unwahrscheinlich, dass der Berater direkt mit dem Kind interagieren kann, da es ja noch nicht zu reifen moralischen Schlussfolgerungen fähig ist. Die Eltern haben jedoch die Verantwortung sicherzustellen, dass das kleine Kind sich nicht durch häufige Masturbation selbst schädigt. Andre Guindon zitiert Quellen, die der Ansicht sind, dass übermässige Masturbation zu starken Belastungen des Herzens und des Nervensystems führt. Er betont zudem, dass der psychologische Schaden dem bei Erwachsenen anzutreffenden Schaden ähnlich sei und zieht daraus die Schlussfolgerung, dass das Ignorieren der "in die Länge gezogenen und intensiven (Betonung durch den Autor) Masturbation, besonders im Alter zwischen sechs Jahren und der Pubertät, ohne Zuzug der Meinung eines Spezialisten moralisch unverantwortlich ist" (Quelle 4). 

 
Gewöhnlich bedarf Masturbation im Kindesalter keiner Beratung des Kindes, aber die Eltern sollten stattdessen angeleitet werden, gelegentliche Masturbation in einer ruhigen Art zu akzeptieren und zu realisieren, dass unter den häufigsten Gründen für dieses Verhalten die Sehnsucht des Kindes nach Zuneigung oder seine unbewusste Verführung durch die Eltern beim Baden ihrer Kinder sind. Die Kinder sollten zudem eine angemessene Anleitung über die physische Hygiene ihrer Genitalien erhalten. 

 
Pastorale Beratung von Jugendlichen

 
Da ich bereits den pastoralen Ansatz für Jugendliche abgehandelt habe, möchte ich hier nur noch einige Überlegungen anfügen. Eine betrifft das starke Phantasieleben von Jugendlichen und ihr Verlangen, einen sexuellen Orgasmus zu erleben. Der Druck von Gleichaltrigen ("Peer Group"), mit Masturbation zu experimentieren, ist unter Jungen ein noch grösserer Faktor als unter Mädchen. Im frühen Jugendalter tendieren Jungen zudem dazu, mehr Zeit in ihrer Phantasie zu verbringen. Dem kann entgegengewirkt werden, wenn man dem Jungen hilft, aus seiner unwirklichen Welt in die reale Welt zu gelangen, wo er echte Freundschaften formen kann. Ohne Zweifel ist dies nicht leicht, wenn man bedenkt, welche Musik auf Konsum durch unsere Jugend abzielt. Vielleicht benötigen unsere Jugendlichen eine stärker strukturierte und forderndere Abwechslung zwischen Studium und Spiel, um ihnen zu helfen, in der echten Welt zu leben.

 
Eine richtige Sexualerziehung durch Eltern oder Personen, an die sie dies delegieren, berücksichtigt nächtlichen Samenerguss und Menstruation und wird junge Leute  in die Lage versetzen, einzusehen, dass auch andere das gleiche Problem haben. In diesen Gebieten meinen Jugendliche oft, sie seinen mit ihrem Problem ganz alleine. Die Jugend muss verstehen lernen, dass man nicht per Zufall sündigen kann. Man muss sich der Tat bewusst sein und diese aus freiem Willen begehen. Wenn jemand in seinem geistlichen Leben sorgsam und aufrichtig darauf bedacht ist, Gott aus ganzer Kraft zu lieben, ist es unwahrscheinlich, dass er sich aus vollem freien Willen der Masturbation hingibt. Es ist diese weitere Perspektive, in der man seine grundsätzliche Beziehung zu Gott untersucht und dann eine individuelle Tat beurteilt: "Wenn im Grossen und Ganzen das Gebetsleben generell gut und gesund ist, dann kann sicher davon ausgegangen werden, dass keine volle Einwilligung zur Tat vorlag und Du nicht einer Todsünde schuldig bist, obwohl Du etwas getan hast, das man "ernste Angelegenheit" nennt" (Quelle 46).

 
Es ist nötig, einige moralische Prinzipien zum Thema guten Willen zu wiederholen, die weder für Jugendliche noch für Erwachsene immer offensichtlich sind. Hier eine kleine Auswahl:

 
Spontane Erregung ist keine Sünde; die Tatsache, dass man gegen sexuelle Phantasien ankämpft, deutet an, dass man wenn überhaupt dann kein volles Einverständnis zur Tat gegeben hat. Im Zweifelsfall bezüglich der freien Zustimmung zur Tat gilt es, von keiner freien Zustimmung auszugehen.

 
Beratenen sollte gezeigt werden, dass es eine enge Verbindung zwischen den Gefühlslagen der Depression, des Zornes und der Einsamkeit mit sexuellen Phantasien und der Versuchung zur Masturbation gibt. In anfälligen Zeiten sollte man daher eine speziell grosse Anstrengung in Kopf und Herz unternehmen, um sich selbst in die echte Welt zurückzubringen und sich ganz speziell auf die Bedürfnisse von anderen zu konzentrieren. Wie bereits betont, wird bei jedem Überhandnehmen von Phantasien empfohlen, sich in Aktivitäten ausser Hauses zu betätigen, um den Bann der Vorstellungskraft zu brechen. Um es kurz zusammenzufassen: wir müssen in den Stunden unseres Wachseins unseren Phantasien mit Selbstdisziplin begegnen. Ich habe entdeckt, dass dieser obige Ratschlag, in der Realität zu verbleiben, am besten bei den Personen fruchtet, welche die Gewohnheit der Masturbation überwinden wollen. Er hilft auch bei zwanghaft Masturbierenden aber wie wir bereits angedeutet haben, bedarf jede Art von Zwangsneurose der gewissenhaften Einübung der Zwölf Schritte, inklusive einer Art von Hilfestellung durch eine Selbsthilfegruppe wie die Sexaholics Anonymous (S.A.). 

 
Die Jugend muss daran erinnert werden, dass die Aneignung einer Tugend eine Lebensaufgabe ist und dass Gott keine Soforthilfen gegen menschliche Schwächen verabreicht, obwohl wir in Sachen Keuschheit meinen, er sollte uns umgehend heilen. Es scheint, dass Gott uns in einigen Fällen die Gnade gibt, etwas trotz zahlreicher Fehler in der Vergangenheit nochmals neu versuchen zu dürfen. "Wir können in der Tat sicher sein, dass perfekte Keuschheit - wie perfekte Nächstenliebe - durch keine menschliche Anstrengung erreicht werden kann. Du musst um Gottes Hilfe bitten. Auch wenn Du dies gemacht hast, mag es scheinen, dass Dir keine Hilfe, oder weniger Hilfe als Du benötigst, gegeben wird. Mach' Dir nichts draus. Bitte nach jedem Rückschlag um Vergebung, steh wieder auf und versuche es nochmals. Wobei uns Gott oft zuerst hilft, ist nicht bei der Tugend selbst, sondern er gibt uns lediglich die Kraft, es nochmals zu versuchen" (Quelle 47).

 
Im Lichte unseres Wissens über unser Wissen zur Masturbation bei Männern mit ihrem Fokus auf dem physischen Akt und der Erleichterung durch Nachlassen der sexuellen Spannung, ist es nicht überraschend zu erfahren, dass Masturbation bei jugendlichen Männern häufiger vorkommt als bei jugendlichen Frauen. Die Natur der sexuellen Anatomie des Mädchens mit ihren verstreuten erogenen Zonen, dem zeitlich späteren weiblichen sexuellen Potenzhöhepunkt und ihrer romantischeren Sicht von Geschlechtsverkehr sind alles Gründe, warum Masturbation für weibliche Jugendliche keine so grosse Versuchung darstellt wie für männliche. Jugendliche Mädchen verstehen die Bedeutung ihrer körperlichen Reaktionen mit einer weniger hohen Wahrscheinlichkeit als Jungen und sie masturbieren daher vielleicht auf indirekte und versteckte Arten, ohne sich über die Verkehrtheit der Handlung bewusst zu sein (Quelle 48). Reinlichkeitsrituale werden zu Masturbationsarten. Mit der grösseren Verfügbarkeit von erotischen Materialien werden sich jedoch Jugendliche beiderlei Geschlechts über die Quellen von Orgasmen bewusster. Discomusik und offen zweideutige Liedtexte sind schon in den frühsten Jugendjahren weit verbreitet.

 
Bei der Beratung junger Frauen trifft man sowohl jene, welche die Gewohnheit zur Masturbation herausgebildet haben, ohne sich ihrer Bedeutung bewusst zu sein, als auch jene, welche inzwischen wissen, was sie machen, sich aber hilflos nicht in der Lage sehen, es zu kontrollieren. Diese zweite Gruppe bedarf der Art von Hilfe, welche wie oben beschrieben den zwanghaften Masturbierenden gegeben wird. Die erste Gruppe wird von einem eher indirekten Ansatz profitieren: es gilt ihnen zu helfen, ihr Leben als Ganzes zu sehen. Masturbation bei Mädchen ist ein Symptom für Störungen in ihrem Zuhause und mit ihren Gleichaltrigen, wie oberflächlich diese Störungen auch sein mögen. Ohne die bereits angesprochenen Hilfsmittel zur Vermeidung von Masturbation zu vernachlässigen, sollte den jungen Leuten geraten werden, ihre Beziehungen mit ihnen wichtigen Personen zu harmonisieren und vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben mit ihrem eigenen Selbstbild ins Reine zu kommen. Ein derart indirekter Ansatz ist zeitaufwendig aber auf lange Sicht dem jungen Mädchen dienlicher.

 
Geistliche Einsichten für betroffene Erwachsene
 

 
Es wäre eine Wiederholung, hier die These auszuführen, dass im Allgemeinen masturbierende Erwachsene starke narzistische Tendenzen aufweisen, mit denen man sich konfrontieren muss und die es zu überwinden gilt. Manchmal ist eine professionelle Therapie nötig. Wie bereits angedeutet, ist es nötig, das eigene Lebensmuster zu ändern. Dies kann am wirksamsten mit einer soliden geistlichen Begleitung erreicht werden. Dies wiederum lässt uns nun das Augenmerk auf die geistlichen Auswirkungen von Masturbation lenken, ein Aspekt, der selten diskutiert wird. Dr. William Kraft und Pater Bernard Tyrrell haben jedoch Licht auf die geistlichen Aspekte der Masturbation geworfen (Quelle 49). 

 
Nach Kraft zeigen masturbierende Handlungen hauptsächlich auf, dass das eigene soziale, geistliche, emotionale und physische Leben noch nicht integriert sind. Aus seiner grossen klinischen Erfahrung betrachtet, sieht er die verführende Natur der Masturbation. Diese ist ein einfacher und leicht verfügbarer Weg, um Spannungen abzubauen und an den Geschlechtsorganen empfundene Gefühle zu erforschen, ohne in interpersonellen Beziehungen involviert zu werden. Die Phantasie, welche solchen Handlungen vorausgeht, kann sicher geheimgehalten werden. Wenn Masturbation die Hauptquelle für Intimität und Erfüllung wird, verletzt sie unser geistliches Wachstum. Wir leben dann nicht in einer echten Welt sondern in einer Welt von erfundenen Personen, "wo alles möglich ist und wo es keine Schranken gibt."

 
Kraft legt zudem dar, dass Masturbation bei Erwachsenen oft aus nichtgeschlechtlichen Erfahrungen entsteht, sodass es auch um mehr als nur geschlechtliche Befriedigung geht. Erwachsene werden oft "aus Langeweile, Angst und Einsamkeit" zur Masturbation bewegt (Quelle 51). Sie ist ein Zeichen von Unreife insofern Erwachsene Intimität mit anderen nur in Phantasien suchen anstatt in der echten Welt mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Die menschliche Sexualität ist dazu gedacht, auf andere ausgerichtet zu sein, Liebe und Zärtlichkeit anderen gegenüber in Gemeinschaft auszudrücken. 

 
Kraft sieht jene, welche "hoch geistige Leben leben, vom Nacken aufwärts, als Kandidaten für Masturbation, weil sie sich danach sehnen, das Leben vom Nacken abwärts her zu erleben." Ihr Mangel an Körperlichkeit im täglichen Leben führt zu Spannungen, die durch Masturbation verringert werden könnten. Während solche Personen (meist Ordensleute oder Singles) in Masturbation kurzfristige Erleichterung finden, wachsen sie jedoch nicht geistlich. Einige Individuen gehen in ihrem Versuch der Rechtfertigung von Masturbation so weit, dass sie Körperlichkeit auf Kosten der geistigen Wahrheit verabsolutieren (Quelle 52). In der persönlichen Geschichte dieser Personen zeigt sich, dass sie ihr affektives Verlangen lange Zeit unterdrückt haben. Eine ähnliche Reaktion findet sich bei arbeitssüchtigen Ordensleuten. Die Herausforderung ist daher, über Masturbation hinauszugehen und auf den Prozess der Rekonstruktion des eigenen Lebens in ein integriertes Leben abzuzielen. In unserer übersexualisierten Kultur ist dies keine kleine Aufgabe.

 
Kraft empfiehlt ein den Anonymen Alkoholikern ähnliches Programm, in welchem er Selbstkasteiung betont: "Manchmal bedarf es einer beträchtlichen Selbstkasteiung, um unser körperliches Verlangen nach geschlechtlicher Befriedigung zu verringern. Ähnlich einem Alkoholiker, der sich nach einem Schluck Alkohol sehnt, muss der Masturbierende lernen, im Dienste einer gesunden Bestätigung "nein" zu sagen" (Quelle 53). Man kann hinzufügen, dass Sexaholics Anonymous eine ähnliche Bedeutung darauf gelegt haben, Masturbation durch die Einübung der Zwölf Schritte zu beenden.

 
Beim Versuch, dem Ideal einer in unsere Person integrierten Sexualität näherzukommen, läuft man Gefahr, der Illusion aufzuliegen, wonach "alleine die rechte Einsicht uns in die Lage versetzt unsere Gefühle und unser Verhalten zu verändern." Wir würden damit die Kraft der Gewohnheit in unserem Leben in dem Masse unterschätzen, in welchem unsere Körper bereits auf ein Sehnen nach beruhigenden Erfahrungen konditioniert sind. Masturbation kann ein derart grosser Teil unseres Verhaltensmusters werden, dass seine Elimination eine tiefe Erfahrungsleere hinterlässt, welche auf irgendeine Art und Weise gefüllt werden muss. Vieles weist für mich darauf hin, dass die Erfahrung einer echten Beziehung zu Gott im Gebet und mit anderen Menschen in Freundschaft diese Leere füllen helfen wird.

 
In den Zwölf Schritte Programmen für sexuelle Süchte wird wiederholt darauf hingewiesen, dass gute Absichten und Willenskraft nicht ausreichen. Unterdrückung von sexuellen Phantasien durch sofortiges Bekämpfen sexuellen Verlangens, Selbstkasteiung und die freiwillige Sublimierung von sexuellem Verlangen sind positive Wege, die eigene Sexualität zu integrieren. Gleiches gilt für die Willensentscheidung der Auslieferung des eigenen Lebens in Gottes Hände. Gottes erlösende Gnade wird der Person dabei helfen, wahre Intimität anstelle der Befriedigung des Fleisches zu finden. Aber all dies benötigt Zeit.

 
Auf kürzere Sicht muss man die eigene Gefühlslage überwachen, damit man wiederkehrende Muster von Phantasien und Masturbation festhält. Man wird auf Gefühle und Stimmungen aufmerksam, die regelmässig der Masturbation vorausgehen. Dies kann der Person dabei helfen, Masturbation zu vermeiden. Wenn die Schlafenszeit für eine Person oft eine schwierige Zeit ist, kann sie lernen, Wege zur Vermeidung der Phantasien zu finden. Die Spannungen, welche zu dieser Zeit erlebt werden, können vermieden werden, wenn man sich während der letzten Stunden des Tages mehr entspannt und wenn man vor dem Schlafengehen seinen Geist und sein Herz mit inspirierender Lektüre füllt. Es ist keine gute Idee zu versuchen, im Spannungszustand schlafen. Gewöhnlich verfolgen eine Person in diesem Zustand sexuelle Phantasien.

 
Im Zeitalter von Satellitenfernsehen und spätnächtlichem Kabelfernsehen sollten Menschen, welche zur Masturbation tendieren, die meisten der spätabendlichen Filme strikt meiden. Man wird versucht sein, den Konsum dieser Filme im Namen von kultureller Fortbildung zu rechtfertigen, aber man kann wirklich ohne diese glorifizierte Pornographie leben. 

 
Ein unerkundetes Forschungsgebiet bleibt die Verbindung zwischen frühkindlichem Inzest und Kindesmissbrauch und der Tendenz zur Masturbation im Erwachsenenalter. Ich habe wenig Zweifel daran, dass die Opfer von sexuellem Missbrauch und/oder Inzest verschiedene Arten von sexuellen Problemen haben und ich glaube, dass eines von ihnen die frühe Entwicklung von Masturbationsmustern ist. Ein katholischer Priester kann solchen Personen wirksam weiterhelfen. 

 
Ein Artikel von Pater Bernard Tyrell, der im Grunde eine Kritik am englischsprachigen Buch Sexual Celibate von Pater Donald Goergen ist, wirft auch auf das Problem Licht. Er zeigt, dass Goergen die theologischen Aspekte des geweihten Zölibats nicht genügend berücksichtigt hat und dass Masturbation bei Ordensleuten als Widerspruch zu ihrem Gelübde des Zölibats gesehen werden muss. Er vermutet, dass "die Hauptschuld, welche der einem zölibatären Leben Geweihte erfährt, wenn er oder sie masturbiert, das Ergebnis der Phantasien ist, welche in der Vorstellung und den Wünschen unterhalten werden. Es scheint mir ziemlich offensichtlich zu sein, dass von einem psychologischen Standpunkt her, und auch aus gesundem Menschenverstand, der einem zölibatären Leben Geweihte sich, wenn er Phantasien über Geschlechtsverkehr und dergleichen Dingen unterhält, beim Akt der Masturbation notwendiger Weise in einen als existentiell erlebten Widerspruch zwischen seinem freiwillig gewählten zölibatären Leben und seiner konkreten Handlung stürzt" (Quelle 55).

 
Aus diesem Grund stimmt Tyrrell nicht mit Goergens Hypothese über das schuldfreie Masturbieren von geweihten Zölibatären überein. Eine aus ganzem Herzen kommende Akzeptanz des Zölibates ist nicht mit der Trivialisierung des Problems der Masturbation bei Ordensleuten zu vereinbaren. Masturbation ist eine schwerwiegende Angelegenheit, obwohl der Betroffene keiner schweren Sünde schuldig sein mag, weil bei zwanghaft Masturbierenden der Mangel an Bewusstsein und Hürden zur Ausübung des freien Willens vorliegen. Trotzdem haben derartig Betroffene die Verpflichtung dazu, Schritte zu unternehmen, welche sie von dieser Gewohnheit oder diesem Zwang befreien. In diesem Unterfangen ist Gottes Gnade immer notwendig.

 
Schlussbemerkungen
 

 
Die Gewohnheit / der Zwang zur Masturbation ist ein in der Pastoralarbeit der Kirche in Amerika vernachlässigtes Problem. Die Ansicht, Masturbation sei kein ernstes Problem, ignoriert die Daten seriöser geistlicher Begleiter und Berater. Berater in den Bereichen Drogen und Sexualsüchte beharren darauf, dass die von ihnen beratenen Personen eine Gewohnheit oder einen Zwang loswerden möchten, der die Genusssucht fördert. Dr. Kraft sieht Masturbation als ernsthaftes Hindernis zur wahren sexuellen Integration. Es ist an der Zeit, dass wir Beichtväter und geistlichen Berater von unseren weltlichen professionellen Kollegen lernen und ihre Erkenntnisse um die Weisheit der über die Jahrhunderte gereiften Lehre der Kirche ergänzen. 

 
Quellenangaben

1. The Courage To Be Chaste, The Paulist Press, Mahwah, NJ., 64-65.

2. New Catholic Encyclopedia, "Masturbation", vol. 9, 438-440 at 438.

3. 91. Der ganze Text findet sich in: Letter to a Mr. Masson (March 6, 1956) Wade Collection, Wheaton College, Wheaton, Ill

4. A Guide to Formation in Priestly Celibacy, no. 63. pp. 53-54.

5. Siehe Out of the Shadows, 1983, und Contrary To Love, 1989, Compcare Publ. 2415 Annapolis Lane, Minneapolis, MN, 55441.

6. Paragraf 9, zitiert aus L'Osservatore Romano, Jan. 22, 1976.

7. Herant A. Katchadourion and Donald T. Lunde, Fundamentals of Human Sexuality, Holt, Rinehart and Winston, Inc. New York, 1972, P. 473.

8. Anthony Kosnik, et at, p. 219. Die zitierte Meinung stammt von Josef Fuchs, S.J.

9. Autoerotisma Un problema morale nei primi secoli cristiana? Conclusioni, 255-267. Centro Editoriale Dehoniano Via Nosadella, 6, 40123 Bologna, 1986.  I am grateful to Barnabite Father Gabriel Patil for translating pertinent parts of this book.

10. William E. May, Summary of Silverio Zedda, Si, Relative e Assolute nella morale de San Paolo, Brescia: Paicleia Editrice, 1984, 393 pp. Das Zitat stammt von Seite 21 der Zusammenfassung von May.

11. Ibid., 438. Siehe auch Vatican Declaration on Sexual Ethics, Paragraf 9: "The principal argument in support of this truth is that the deliberate use of the sexual faculty outside of marriage is essentially contrary to its purpose. For it lacks that sexual relationship demanded by the moral order and in which the total meaning of mutual self giving and human procreation in the context of true love is achieved."

12. Ibid 438.

13. Ibid 438.

14. Ibid 438.

15. Ibid., 438 Farraher ist auch der Ansicht, dass man für einen ausreichenden Grund, wie beispielsweise erholender Schlaf oder Studium, nicht gezwungen ist, "für lange Zeit gegen solch unfreiwillige Bewegungen und Versuchungen" positiven Widerstand zu leisten" (440).

16. ibi4 438.

17. "Masturbation and Objectively Grave Matter" in A New Look at Christian Morality, Notre Dame, Ind. Fides Press, 1968, p. 214. Pater Curran stellte diese Meinung zuerst auf der Konferenz Catholic Theological Society of America im Jahr 1966 vor.

18. Ibid p. 220.!

19. Declaration on Certain Questions Concerning Sexual Ethics, Paragraf 9.

20. Rev. Ronald Lawler, OFM, CAP, Jos. Boyle, Jr., and Wm. E. May, 187-195, Our Sunday Visitor, Inc., Huntington, Indiana, 46750.

21. Declaration on Certain Questions Concerning Sexual Ethics par. 9.

22. Ibid 190-191.

23. Section 12: "By safeguarding both these essential aspects, the unitive and the procreative, the conjugal act preserves in its fullness the sense of true mutual love and its ordination to man’s most high calling to parenthood."

24. Siehe Buch acht, ch. 8-12, inklusive der klassischen Beschreibung des Willenskonfliktes und seine Auflösung durch göttliche Gnade. Übersetzung von Frank Sheed, Sheed and Ward, London, 1949, pp.

135-142.

25. 1989 S.A. Literature, P.O. Box 300, Simi Valley, CA 93062.

26. 1986 The Augustine Fellowship, P.O. Box 88, New Town Branch, Boston, MA, 02258.

27. Definition von John Bradshaw. Siehe John Bradshaw, Healing The Shame That Binds You, Health Communications Inc., Deerfield, FL, 33442.

28. Out of the Shadows, Compcare Publications, 2415 Annapolis Lane, Minneapolis, MN

55441, 1984, Siehe auch Anne Wilson Schaef, Escape From Intimacy, Harper and Row, 1989,1-5.

29. Contrary to Love, 1989, Compcare PubL 2415 Annapolis Lane, Minneapolis, MN 55441,

4-7.

30. "Irresistible Impulses: A Question of Moral Psychology", AmericanEcclesiastical Review,

100, 1939, 219.

31. Ibid 440.

32. Allers, Ibid 216-217. Siehe auch John Ford und Gerald Kelly,Contemporary Moral Theology, vol. I, Questions in Fundamental Moral Theology  (Westminster, MD, Newman Press, 1958), 230.

33. Siehe Walter and Ingrid Trobisch, My Beautiful Feeling, Korrespondenz mit Illona Intervarsity Press, 1977, Downers Grove, Illinois, 60515. Eine deutsche Jugendliche enthüllt ihre inneren Gefühle über Masturbation als Widerstand zu einem liberalen Schullehrer. 

34. 64-69, Paulist Press, Mahwah, N.J., 07430.

35. John F. Harvey, OSFS, "Expressing Marital Love during the Fertile Phase" International Review of Natural Family Planning, vol. 5, no. 4 (Winter, 1981) 204-210. Er schrieb einen Artikel über Masturbation in der Ehe in der gleichen Ausgabe, vol. 3, 134-140.

36. John F. Kippley zeigt in seinem neuen Buch Sex and the Marriage Covenant The Couple to Couple League International, Inc. Cincinnati, Ohio, 1991, den Zusammenhang zwischen Verhütung und Masturbation. Wenn man zugunsten der Verhütung auf der Basis der ganzen Geschichte der Ehe argumentiert (jemand hat bereits zumindest schon vier Kinder und hat seine Pflicht erfüllt) dann kann dasselbe Argument auch Masturbation in der Ehe rechtfertigen. Beide Argumente gehen aber ins Leere. 292-293.

37. John F. Harvey, OSFS, "Homosexuality and Vocations" AmericanEcclesiastical review; vol. 164, no. 1, Jan., 1971, 42-55. Während ich in diesem Artikel hauptsächlich die Frage von Homosexualität und Berufungen behandle, behandle ich auch die Rolle des geistlichen Begleiters bei den beiden Themen Homosexualität und Masturbation.

38. The Sexual Celibate,  New York, The Seabury Press, 1974, 201.
 

39. ibid 203-204.

40. Images of Hope, New York, 1966, 119-120,

41. See Leanne Payne, The Broken Image, Westchester, III., 1982. 46-47.

42. Martin Buber schrieb vom "unheimlichen Versteckspiel in der Dunkelheit der Seele, in welcher sich die Seele des Single selbst aus dem Weg geht, sich selbst meidet, sich selbst vor sich selbst versteckt" Zitiert von M. Scott Peck, The People of the Lie, Simon and Schuster, N.Y., 1983, 76.

43. "The Solitary Vice Goes Public", Editorial, Fidelity, Notre Dame, IN, 1985,5. Jones führt weiter aus: "Der Kampf mit der Versuchung zur Masturbation ist die Schmiede, in welcher Jugendliche ihren Charakter formen. Sie lernen entweder wie sie sich selbst kontrollieren, mit allem, was dies nach sich zieht, oder sie lernen es nicht, mit all der Selbst-Plünderung, welche dann auf Hass auf die Autorität projeziert wird, welche dies nach sich zieht. Masturbation ist, in diesem Sinne, die Wurzel des sexuellen Übels - zu allererst von einer Entwicklungsperspektive aus gesehen, denn es ist die Einführung des Kindes zum sexuellen Sündigen, aber auch weil jedes andere Sündigen an seiner Wurzel masturbativ ist" ibid

44. Wilhelm Stekel, Autoeroticism, Grove Press, N.Y., 1950.

45. The Sexual Language, U. of Ottawa Press, 1976, 284.

46. William Bausch, Pamphlet, "Masturbation" Claretian publ, 17.

47. C. S. Lewis, Mere Christianity, zitiert in Bausch, "Masturbation", 35.

48. Wilhelm Stekel, op. ciL, 13 1-135. Stekel benutzt den Betriff "kryptische" Masturbation.

49. William F. Kraft, "A Psycho-Spiritual View of Masturbation" Human Development, Summer, 1982, 39-45; Bernard J. Tyrrell," The SexualCelibate and Masturbation" Review for Religious, vol. 35, 1976/3, 399-408.

50. Kraft, op. cit. 40.

51. Ib~4 41.

52. 1b14 41.

53. 1b14 43.

54. 1b14 43.

55. Tyrrell, ibid. 405.

56. Tyrrell bezieht sich auf sein Buch Christotherapy: Healing Through Enlightenment: Healing Through Enlightenment (New York~ Seabury, 1975) um seine These besser zu verstehen, wonach eine masturbationsfreie Existenz nicht nur für Ordensleute sondern auch für Laien möglich ist.

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